Die Utopie der zweiten Vitalität

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Georg Sachs, Chefredakteur Chemiereport/Austrian Life Sciences

In ihrem 2009 erschienen Roman „Corpus Delicti“ beschreibt die deutsche Schriftstellerin Jui Zeh ein Staatssystem, das seinen Bürgern bis ins Detail vorgibt, wie sie mit ihrem Körper umzugehen haben. Vom Idealbild einer umfassenden Gesundheit geleitet, werden obligatorische Untersuchungen, einzuhaltendeSchlaf- und Ernährungspläne und festgelegte Sportpensa vorgeschrieben. „Die Methode“, wie sich die herrschende Gesundheitsdiktatur nennt, lässt keinen Platz für Privatheit  - wer vom vorgeschriebenen Weg abweicht, muss mit drastischen Maßnahmen rechnen.

Ein wenig fühlte man sich an ein solch gespenstisches Szenario erinnert, als Thomas Hofmann, Professor für Lebensmittelchemie an der TU München, auf der Fachmesse Analytica in München vorstellte, wozu die Analytische Chemie heute schon imstande ist. Die Forscher können im menschlichen Urin eine Substanz nachweisen, die ausschließlich beim Rösten von Kaffeebohnen entsteht. Dadurch wird es möglich, einen Patienten zu „überführen“, der von dem Genussmittel getrunken hat, obwohl der Arzt es ihm verboten hat. „Non-compliant“ nannte Hofmann ein solches Verhalten, dem die Aufdecker bald hinter her sein könnten wie dem Missgriff eines Doping-Sünders.

Der gesellschaftliche Druck, sich eine Lebensweise zu eigen zu machen, die der Erhaltung eines Vitalitätsideals verpflichtet ist, scheint zuzunehmen. Immer mehr Stimmen geben einem medienkonsumierenden Zeitgenossen Ratschläge in Sachen Ernährung, Bewegung, Work-Life-Balance, im Beachten von Symptomen und im In-Anspruch-Nehmen von Untersuchungsangeboten. Immerhin bilden diese Stimmen in ihrer Gesamtheit ein Gewirr mit vielen Widersprüchen, von Juli Zehs sich für unfehlbar haltender „Methode“ sind wir weit entfernt – doch eine Tendenz ist wahrnehmbar.  Die Hüter des Wohlbefindes und der Achtsamkeit auf körperlichen Bedürfnisse haben auch gute Argumente in der Hand: Eine vorsorgende ist besser als eine reparierende Medizin, mit geeigneten Präventionsmaßnahmen könnte das angeschlagene Gesundheitssystem überdies entlastet werden. Und sind die Ansprüche, die wie alle an eben jenes Gesundheitssystem haben, nicht von ebensolcher Totalität? Erwarten wir nicht, in jedem erdenklichen Fall aufgefangen, richtig diagnostiziert, angemessen behandelt zu werden? Ist das Desiderat der Medizin nicht, die Heilung jeder heute bekannten Krankheit? Nimmt nicht auch der „Non-compliant Patient“ wie selbstverständlich an, dass ein Sozialversicherungssystem die Folgekosten seines Lebenswandels übernimmt?

 

"Immer weniger sind wir bereit, Verfallserscheinungen als unabwendbare Begleiter des Älterwerdens zu betrachten."

 

Es sieht tatsächlich so aus, dass wir uns, besonders was den alternden Menschen betrifft, auf einen Paradigmenwechsel zubewegen. Immer weniger ist unsere Kultur bereit, das Auftreten von Verfallserscheinungen als unabwendbare Begleiterscheinungen des Älterwerdens zu betrachten. Immer mehr definieren wir Gesundheit als Erhaltung eines Grads an Vitalität, der bislang der Jugend vorbehalten war. Aber haben wir angesichts der vielbesungenen demographischen Entwicklung eine andere Handlungsoption? Vielleicht bewegen wir uns ja darauf hin, durch medizinisches Handeln einen zweiten Normal-Zustand der Gesundheit herzustellen, der ältere Menschen zu aktiven Beiträgen befähigt anstatt sie zum „Versorgungsfall“ werden zu lassen. Einen solchen Beitrag zu erbringen könnte als Chance späterer Jahre angesehen werden anstatt als Angriff auf wohlerworbene Rechte. Auch hier ist jener Grad an Eigenverantwortung einzufordern, der in Juli Zehs Dystopie so krass eliminiert wurde.  Mag sein, dass wir uns damit über eine Entwicklung hinwegsetzen, die wir bislang für „natürlich“ gehalten haben. Aber welche Grenze des Natürlichen hätte der Mensch bisher nicht überschritten?