Zum Jahr der Chemie: Kein Grund für Defensive

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Georg Sachs, Chefredakteur Chemiereport/Austrian Life Sciences

Kurt Wüthrich hat einen knorrigen Schweizer Humor. Launig erzählte der Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 2011 in Alpbach von seinem Werdegang, der ihn von der Anorganischen Chemie zur Erforschung der räumlichen Struktur von Biomolekülen führte, der ihn bis an die vorderste Front der Biowissenschaften führte, bis hinein in die strukturelle Genomik und all ihre medizinischen Implikationen. Im Jahr der Chemie werde er zu vielen Veranstaltungen eingeladen, erzählt Wüthrich. Um gleich darauf die defensive Haltung zu kritisieren, aus der heraus man überhaupt auf die Idee komme, ein solches Jahr auszurufen. Hätte irgendjemand vorgeschlagen, ein Jahr der Biologie zu begehen – wo doch, am Beginn des neuen Jahrtausends, ohnehin alles immer stärker von den Biowissenschaften geprägt scheint. Schweizerisch-langsam kam da der Satz: „Wenn man denken würde, ich bin auch ein Chemiker“. Kurt Wüthrich, der über das Verstehen der Vorgänge in Menschen, Tieren und Pflanzen spricht, der mit diesem Ziel 3D-Strukturen der Proteine studiert, ist nur über seine Beschäftigung mit der von den Chemikern etablierten Methodik der Kernresonanzspektroskopie das geworden, was er heute ist. „Statt dass man erkennen würde, wie viel Chemie in der biologischen Forschung steckt, beklagt man sich, dass ein zu großer Anteil der Chemienobelpreise für biologische Fragestellungen vergeben wird – das ist doch abstrus“, fasste Wüthrich seine Verwunderung über die Engstirnigkeit, mit der Grenzen zuweilen gezogen werden, zusammen.

 

Keine Life Sciences ohne Chemie

Dass es heute Life Sciences (und nicht einfach nur Biologie) gibt, ist ja dem Umstand zu verdanken, dass sich andere Disziplinen biologischen Fragen zugewandt haben. Die Chemie war wohl die erste davon, die Biochemie blühte schon, als die Physiker gerade versuchten, die Stabilität von Atomen zu erklären und es Informatiker noch gar nicht gab. Als James Watson (ein Biologe) und Francis Crick (ein Physiker) sich die Struktur der DNA als Untersuchungsobjekt wählten, taten sie das unter der Ägide des österreichischen Chemikers Max Perutz – und das Standardwerk „Die Natur der chemischem Bindung“ von Linus Pauling war dabei ihre tägliche Lektüre. Es steckt also viel Chemie drinnen in den Life Sciences: Das molekulares Bild der Dinge, das sich seit Watson und Crick, seit Pauling und Perutz entwickelt hat,  ist drauf und dran, die Pharmazie, die Medizin, die Pflanzenzüchtung, die Evolutionsforschung, die Ökologie irreversibel zu verändern.

Natürlich wirkt das auch in die andere Richtung: Anhand der Biologie haben die Chemiker ihren Horizont erweitert und darüber nachzudenken begonnen, was man stofflichen Systemen alles zutrauen könnte: Information zu speichern, Organisation zu bewerkstelligen, Komplexität zu ermöglichen. Weite Teile der Nanotechnologie sind die Frucht der Erweiterung unseres Denkens über die materielle Welt – einer Erweiterung, die sich Anleihen an biologischen Vorbildern genommen hat. Unser kultureller Umgang mit dem Stofflichen evolviert und ist auf dem Weg, an einer Technologie mitzubauen, die immer besser angepasst ist an das Leben in all seine Facetten – und dieses auch verändert. Die Chemie und ihre Denkweise sind auf diese Weise fest eingepflanzt in unserer Kultur. Für Defensive haben wir wahrlich keinen Grund.