66 chemiereport.at SERVICE AustrianLifeSciences 2026.2 Für Sie gelesen Was das (Silicon) Valley herrschen nennt Der Frage, „was das Valley herrschen nennt“, widmet sich der an der Stan- ford-Universität lehrende Kölner Lite- raturwissenschaftler Adrian Daub in seinem gleichnamigen Buch, das kürzlich im Suhr- kamp-Verlag erschienen ist. Wie er erläutert, geht es insbesondere um folgende The- men: „Die Tech-Elite ist an der Macht. Aber was versteht sie unter Macht? Wie genau herrscht das Silicon Valley, wie regiert es? Und da es sich uns weiterhin andient als Schlüssel, vermittels dessen die Wirklichkeit verstanden und die Zukunft lesbar gemacht werden kann: Was ist das Verhältnis zwi- schen seiner lebensweltlichen Dominanz und seiner Fähigkeit, diese Lebenswelt noch zu beschreiben?“ „Silicon Valley ist ein Modell für die charakteristischen Selbsttäuschungen unserer Gegenwart.“ Nach hierortigem Verständnis lässt sich Daubs Antwort auf die Frage, wie „das Sili- con Valley“ regiert, wie es herrscht, etwa fol- gendermaßen zusammenfassen: Herrschen nach Art des „Valley“ meint die mehr oder weniger erfolgreichen Versuche faschistoi- der, narzisstisch-sexistischer „Nerds“ (eben der „Tech-Elite“), die USA und damit, weil diese nun einmal der globale Hegemon sind, in der Folge die gesamte Welt ihren letzten Endes ökonomischen Interessen zu unter- werfen. Diese Versuche tarnen oder vielmehr vermarkten sie als unabwendbares Ergebnis der angeblich unverzichtbaren technischen Innovation – Stichwort künstliche Intelli- genz –, die sie als einzig wahre gesellschaft- liche Innovation (miss-)verstehen. In diesem Adrian Daub: „Was das Valley herrschen nennt“. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026 (Edition Suhrkamp 2869) Sinne sind sie bereit, jegliche „Lebenswelt“ umzumodeln, ohne Rücksicht auf mögliche Schäden, die sie damit an der Gesellschaft und an der „Umwelt“ anrichten. Mit ihren Fähig- keiten, diese Lebenswelt „korrekt“ zu beschrei- ben, ist es daher nicht weit her. Doch das ist zumindest aus ihrer Sicht ohne Belang, weil sie die Welt ohnehin nicht verstehen, sondern beherrschen wollen. Daub formuliert das wie folgt: „Eine ganz bestimmte Form des Techno- logiediskurses hat begonnen, unsere Realität zu formen und sogar zu diktieren, allerdings auf Kosten ihrer Beschreibung. Er erkennt die Realität nicht mehr an, sondern begnügt sich damit, sie zu formen. Das ist sowohl ein Zeichen der Stärke als auch ein Zeichen der Schwäche.“ Denn es bedeutet keineswegs Von Klaus Fischer zuletzt, „dass dieser Diskurs umso weniger beschreibt, je mehr er dominiert“. Daub leitet daraus die Folgerung ab: „Das, was die Tech-Branche als Denken bezeichnet, ist höchst kompatibel mit Faschismus. ‚Dis- ruption‘ war immer der Name für diese Kom- patibilität – der Punkt, an dem wirtschaftliche Dominanz und politische Reinheitsfixierun- gen und Vernichtungsfantasien unbemerkt ineinander übergehen konnten“. Die Träger dieser Disruption sind Daub zufolge „junge, kecke Rebellen, die Fach- und Sachkenntnis mit Logik ersetzen und diese Logik auf jedes Gebiet anwenden können. Es handelt sich um eine Theodizee der Störung, eine Logik, die besagt, dass jede Form der Destabilisierung gut ist, dass jedes System es verdient, hin und wieder erschüttert zu werden“. Indessen warnt Daub: Die Unternehmen des Silicon Valley „haben nicht die Herrschaft übernommen; sie haben die Simulation der Herrschaft übernommen. Eine Simulation, die sich selbst nicht glaubt. Das macht sie anschlussfähig für den modernen Populis- mus, der seinen eigenen Populismus nicht glaubt, für den Autoritarismus, der sich nie wirklich an der Macht wähnt, nicht einmal dann, wenn er die Macht diktatorisch aus- übt. … Silicon Valley ist ein Modell für die cha- rakteristischen Selbsttäuschungen unserer Gegenwart. Aber auf einem viel banaleren Niveau erzählt es sich einfach dieselben Lügen wie alle anderen“. Freilich: Ebenso wenig wie das Silicon Valley – oder vielmehr das, wofür es steht – ein neuartiges gesellschaftliches Phänomen ist, sind Daubs Ausführungen eine neuartige Analyse. Derlei wurde nicht zuletzt von den Klassikern der Kritik der politischen Öko- nomie und ihren Nachfolgern immer wieder formuliert. Dennoch wäre es unangebracht, Daubs Buch als inhaltlich längst bekannt abzutun. Die Kritik gesellschaftlicher Repro- duktion wird auch weiterhin der Reproduk- tion ihrer selbst bedürfen. g a l r e V - p m a k r h u S : d l i B ÖAKÖÖAAKK Impressum Ö s t e r r e i c h i s c h e Auflagenkontrolle Lt. ÖAK Auflagenliste Jahresschnitt 2025 Durchschnitt pro Ausgabe: • Verbreitete Auflage Inland: 9.038 Ex. • Verbreitete Auflage inkl. Ausland: 9.307 Ex. • Druckauflage: 9.352 Ex. Medieninhaber: Chemiereport GmbH, Donaustraße 4, 2000 Stockerau • Chemiereport.at/Austrian Life Sciences – Österreichs Magazin für Wirtschaft, Technik und Forschung. Internet: Herausgeber und Chef redakteur: www.chemiereport.at • Anzeigen und Marketing leitung: Peter Kukla, Mag. Georg Sachs, Tel. 0699/17 12 04 70, E-Mail: sachs@chemiereport.at • Lektorat: Tel. 0670/65 15 463, E-Mail: kukla@chemiereport.at • Erscheinungs Mag. Gabriele Fernbach • weise: 8-mal jährlich • Layout: Mag. 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