Kreislaufwirtschaft: Mit Bedacht voran

Noch steht die biobasierte Industrie im Wesentlichen am Anfang. Doch Wirtschaft, Politik und Verwaltung sind entschlossen, sie voranzubringen, hieß es beim Stakeholder-Dialog von FCIO und BMVIT.

Foto: BMNT/Bernhard Kern
Konkurrenz vermeiden: Die österreichische Chemieindustrie will vor allem sonst nicht genutzte Substzanzen als Rohstoffe für die Bioökonomie verwenden.

 

„Nur die kaskadische Nutzung der Biomasse bringt höchste Wertschöpfung. Sowohl Biomasse als auch Erdöl sind zu schade, um einfach nur verbrannt zu werden. Wir müssen beide Materialien so lange wie möglich stofflich nutzen. Erst dann dürfen wir sie energetisch verwerten.“ Das betonte der Obmann des Fachverbandes der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), Hubert Culik, kürzlich beim diesjährigen Stakeholder-Dialog Biobased Industry seines Verbands und des Infrastrukturministeriums (BMVIT) in der Wiener Wirtschaftskammer. Culik zufolge gewinnt das Thema „biobasierte Wirtschaft“ in der Öffentlichkeit immer mehr an Bedeutung. Der sich nach wie vor weitgehend auf Erdöl stützenden Chemieindustrie wird Biomasse in unterschiedlichsten Formen als Alternative offeriert. Allerdings stelle sich das Problem der Ressourcenverfügbarkeit und der Wirtschaftlichkeit. Laut einer Studie im Auftrag des FCIO wären zum vollständigen Ersatz von Erdöl bei der Produktion wesentlicher Basischemikalien rund drei Millionen Tonnen Biomasse pro Jahr notwendig. Das entspreche dem gesamten derzeitigen Einsatz von Industrieholz in Österreich. Deshalb dürfe die Politik auch nicht übertreiben und in Sachen Bioökonomie zu sehr aufs Tempo drücken und müsse deren Entwicklung mit Bedacht angehen: „Wir brauchen praktikable Normen und Gesetze, die nachhaltige Planung ermöglichen.“ Außerdem empfehle sich, auf die Konsistenz der unterschiedlichen Vorgaben zu achten. Zwischen der Kunststoffstrategie der EU sowie deren geplanter Richtlinie zum weitgehenden Verbot von Einwegkunststoffen etwa gebe es Zielkonflikte, die nur die Politik lösen könne. Die Chemieindustrie forsche jedenfalls an technischen Lösungen und sei zuversichtlich, diese in vielen Bereichen auch zu finden. Wichtig sei, den kommenden Generationen den heutigen Wohlstand und Lebensstandard zu erhalten. „Das funktioniert vorwiegend mit chemisch-technischen Neuerungen, und da hat die biobasierte Industrie einen hohen Stellenwert“, resümierte Culik.

 

Neue Strategie


Tatsache ist, dass sich die Europäische Union schon seit längerem der Bioökonomie verschrieben hat, berichtete Petra Goyens von der Generaldirektion Forschung der EU-Kommission beim Stakeholder-Dialog. Die erste diesbezügliche Kommunikation der Kommission erging 2012 und führte zur Erarbeitung einer einschlägigen Strategie der Gemeinschaft. Wie vorgesehen, wurde diese im vergangenen Jahr evaluiert. Am 11. Oktober des heurigen Jahres präsentierte die Kommission die überarbeitete Strategie, betitelt „A new bioeconomy strategy for a sustainable Europe“. Goyens zufolge verbindet diese die nachhaltige Nutzung von Biomasse für die Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln sowie anderen Produkten, aber auch Bioenergie, mit dem Schutz und - soweit nötig - der Wiederherstellung der Biodiversität und Ökosystemen, aber auch von Boden und Wasser. Ferner zielt sie auf eine langfristige Ausgewogenheit zwischen sozialen, ökologischen und ökonomischen Verbesserungen. Erreicht werden soll dies durch einen systemischen Ansatz, der über Forschung und Innovation im rein technischen Sinn hinausgeht, die Kreislaufwirtschaft und die Nachhaltigkeit unterstützt und so den Bürgern Nutzen bringt. Wichtig sind laut Goyens auch lokale Aspekte, wie etwa die Verwendung örtlich verfügbarer Ressourcen und die Rücksichtnahme auf spezifische Bedürfnisse in einzelnen Regionen und Kommunen.

 

Mit Unterstützung der neuen Strategie könnte laut Goyens bis 2030 EU-weit rund eine Million neue Arbeitsplätze entstehen, vor allem in strukturschwachen ländlichen sow küstennahen Gebieten. Auch fürs Klima soll die Strategie gut sein: Ersetze die Bauwirtschaft eine Tonne Beton durch eine Tonne Holz, könnten rund 2,1 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen vermieden werden, rechnete Goyens vor. Ferner habe die EU die Chance, eine weltweite Führungsposition in der Biochemie im Ersatz fossiler Rohstoffe zu erringen. Um das zustande zu bringen, plant die Kommission eine Reihe von Maßnahmen, unter anderem die Einrichtung einer „Circular Bioeconomy Thematic Investment Platform“, die mit 100 Millionen Euro dotiert sein soll. Geplant ist auch ein Monitoringmechanismus, um die Fortschritte auf dem Weg zur biobasierten EU-Wirtschaft zu überwachen. Übrigens: Schon derzeit bietet die Bioökonomie in der EU etwa 18 Millionen Personen Arbeit, ergänzte Goyens. Der Jahresumsatz der einschlägigen Unternehmen lässt sich mit rund 2.300 Milliarden Euro beziffern.

 

An einer Bioökonomiestrategie lässt unterdessen auch die österreichische Bundesregierung arbeiten. Der Entwurf soll im ersten Quartal 2019 vorliegen.

 

Unterlagen zur Veranstaltung:

https://nachhaltigwirtschaften.at/de/veranstaltungen/2018/20181207-stakeholderdialog-bbi.php