EU: Forschungsergebnisse rascher vermarkten
Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft muss noch enger werden. Der europäische Binnenmarkt ist dringend weiterzuentwickeln, hieß es bei den Technology Talks des AIT.

Unter dem Motto „Empowering Europe: Technological Leadership for a Resilient Future“ standen die heurigen Technology Talks des Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien. Und dieses Thema sei „genau richtig gewählt“, nicht zuletzt in wirtschaftspolitischer Hinsicht, betonte Elisabeth Zehetner, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium (BMWET). So verfüge etwa Österreich über eine exzellente Forschungslandschaft und über eine starke industrielle Basis. Bei der Forschungsquote liege das Land mit über drei Prozent im EU-weiten Spitzenfeld. Jedoch sei es notwendig, die Ergebnisse heimischer Forschung verstärkt und rascher auf den Markt zu bringen: „Allzu oft erfolgt die Vermarktung nämlich durch andere.“ Ähnliches gelte für die EU insgesamt, ergänzte Zehetner. Der Zugang zur Forschungförderung müsse für die Unternehmen einfacher werden. Auch sei es notwendig, das Emissionshandelssystem ETS zu evaluieren: „Die Dekarbonisierung ist wichtig. Aber wir wollen keine Deindustrialisierung. Das ETS darf unserer Industrie nicht zum Schaden gereichen.“ Dringend erforderlich ist laut Zehetner ferner die Weiterentwicklung des europäischen Binnenmarktes, der bis dato nur unzureichend funktioniert. Eine wichtige Rolle beim Bestreben, Forschungsergebnisse wirtschaftlich nutzbar zu machen, spielt Zehetner zufolg überdies die öffentliche Beschaffung. Österreich etwa habe den bekannten „Made in Europe“-Bonus eingeführt, der weiterentwickelt werden müsse.
Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner konstatierte, Forschung sei wesentlich für Wohlstand und Sicherheit. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Offenheit Europas müsse wohlüberlegt gehandhabt und stratetisch ausgerichtet werden. Abhängigkeiten von Importen fossiler Energieträger sowie kritischer Rohstoffe seien durch „verlässliche Partnerschaften“ zu überwinden. „Souveränität und Resilienz werden aber nicht über Nacht geschaffen. Wir brauchen eine langfristige Perspektive“, resümierte die Ministerin.
Drei Prioritäten
Christian Ehler, Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) des EU-Parlaments, betonte, das Problem der EU bestehe nicht darin, keine Geschäftsmodelle für neue Technologien entwickeln zu können. Was indessen nach wie vor fehle, sei ein einwandfrei funktionierender Binnenmarkt. Ehler, einer der maßgeblichen Wissenschaftspolitiker der CDU-CSU auf EU-Ebene, erläuterte, die Resilienz des Forschungssystems sei die Grundlage wirtschaftlicher, aber auch militärischer Widerstandsfähigkeit. Diesbezüglich nannte der EU-Parlamentarier drei Prioritäten: „stay open“, „pool efforts“ sowie „defend democracy“. Mit „stay open“ meint Ehler die Notwendigkeit, Forschungs- und Wirtschaftspolitik noch stärker zu verknüpfen und dabei offen für technologische Neuerungen zu bleiben. Solche entstünden nicht selten an der Basis und erhielten oft erst spät die gebührende Aufmerksamkeit. Als Beispiel erwähnte Ehler die Quantentechnik: „Meistens fördern wir die ohnehin etablierte Forschung und die großen Unternehmen. Und das ist ein Problem, weil niemand weiß, woher die nächste disruptive Idee kommen wird.“ Es sei daher notwendig, entsprechende Freiräume für die Forschung zu schaffen.
„Pool efforts“ bezeichnet die bekannte Forderung nach gemeinsamem Agieren der EU-Mitgliedsstaaten: „Europa kann nur geeint Erfolg haben. Das sagen wir immer wieder, handeln aber leider nicht danach.“ Unter dem Motto „defend democracy“ schließlich erfasst Ehlers die Bewahrung nicht zuletzt akademischer Freiheit: „Und das ist keine abstrakte Diskussion. Hier besteht Gefahr.“ Künstliche Intelligenz verändere die Art, wie Forschung betrieben wird. Auch verbreite sie Desinformation in bisher ungekannter Weise. Dazu komme das Agieren von monopolistisch orientierten Technologieunternehmen, das ebenfalls eine Herausforderung für die Demokratie darstelle. Dem gelte es mit aller gebotenen Entschiedenheit entgegenzutreten.
Fragmentierter Markt
Lars Reger, Executive Vice President und Chief Technology Officer der NXP Semiconductors mit Hauptsitz in Eindhoven in den Niederlanden, stellte fest, der US-amerikanische Bundesstaat Texas habe etwa die Größe Kontinentaleuropas, weise aber anders als dieses ein einheitliches Rechtssystem auf. Dem gegenüber sei der europäische Markt nach wie zu fragmentiert. Nach Ansicht Regers ist die weitere Verstärkung der Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten von größter Bedeutung: „Darüber hinaus müssen wir Forschung, Entwicklung und Produktion enger zusammenbringen.“
Ähnlich argumentierte die Rektorin der Universität Basel, Andrea Schenker-Wicki. Grundlagenforschung habe zweifellos ihre Bedeutung. Ebenso notwendig sei aber Unternehmertum. Dies vermittle ihre Einrichtung den Studierenden: „Wir versuchen, die Lücke zu schließen zwischen der Erkenntnis, was zu tun ist, und dem tatsächlichen Tun. Das ist harte Arbeit, aber es funktioniert.“ Künftige Ingenieure müssten mit Daten umgehen und analytisch denken können. Ferner benötigten sie soziale Kompetenzen sowie die Fähigkeit, sich an rasant ablaufende Veränderungen anzupassen.
Laut Sabine Herlitschka, der Vorstandsvorsitzenden von Infineon in Österreich, geben Europas Steuerzahler „sehr viel Geld“ für die Förderung wissenschaftlicher Forschung aus. Dies müsse zumindest in einigen Bereichen in weltweite Technologieführerschaft Europas münden. Die Grundlagen hierfür sind laut Herlitschka vorhanden. Allerdings bleibe mancherlei zu tun: „In China beispielsweise sind die Innovationszyklen wesentlich kürzer als in Europa. Daran sollten wir uns orientieren.“ Auch empfehle sich dringend, bestehende sowie allfällige künftige Partnerschaften zwischen der Industrie und der Wissenschaft zu stärken.
