Personalisierte Therapien statt Chemo-„Gießkanne“

Bei der Behandlung von Krebserkrankungen hat sich viel verbessert, hieß es bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sowie ihrer österreichischen und schweizer Schwesterverbände in Wien. An Herausforderungen mangelt es dennoch nicht.

 

Credit: Chemiereport
„Enorme Fortschritte“: DGHO-Vorsitzender Lars Bullinger (Mitte) mit Claudia Baldus, Dominik Wolf, Maike de Wit und Ewald Wöll (v. l.) bei der Jahrestagung in Wien

Weg von der „Gießkanne“ klassischer Chemotherapien zu hochspezifischen personalisierten Behandlungsformen führt der Weg beim Umgang mit Krebserkrankungen. Das berichtete die Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), Claudia Baldus, bei der Jahrestagung ihrer Organisation sowie deren österreichischer und schweizer Schwesterverbände OeGHO, SSMO und SGKSSH in Wien. Baldus zufolge ist es notwendig, innovative Therapien von der Forschung und Entwicklung in die breite Anwendung zu bekommen. Dazu müssen diese bisweilen an die Erfordernisse der täglichen Versorgung angepasst werden. Ein zentrales Thema ist laut Baldus ferner die Prävention, durch deren konsequenten Einsatz die Entstehung von etwa 40 Prozent der Tumoren hintangehalten könnte. Baldus zufolge bestehen dafür jedoch zwei nicht zu unterschätzende Hindernisse. Erstens handelt es sich um die Finanzierung: „Es gibt in den Gesundheitssystemen oft kein Geld für Krankheiten, die noch nicht aufgetreten sind.“ Zweitens ist das Bewusstsein hinsichtlich der Kresbvorsorge in der Gesellschaft nach wie vor zu wenig entwickelt. Und die Politik scheut unpopuläre, aber wirksame Maßnahmen: „Wenn eine Packung Zigaretten 100 Euro kosten würde, würde die Zahl der Raucher radikal sinken“ sinnierte Baldus. Mehr getan werden müsste weiters, um die Früherkennung zu verbessern, nicht zuletzt beim Mammakarzinom und bei Darmkrebs, konstatierte Baldus.

 

Laut Lars Bullinger, dem Vorsitzenden der DGHO, hat sich die Lage bei der Behandlung von Krebserkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten grundsätzlich stark verbessert. Etwa 50 Prozent der Tumoren seien mittlerweile heilbar: „Das ist ein enormer Fortschritt.“ Bei manchen Formen beläuft sich die Überlebenszeit nach der Diagnose auf etwa 17 Jahre: „Wenn jemand im Alter von 70 Jahren erkrankt, ist das schon etwas.“ Leider sind die für die Entwicklung noch besserer Medikamente unverzichtbaren klinischen Studien in der Öffentlichkeit noch immer negativ konnotiert, bedauerte Bullinger: „Nicht wenige Menschen glauben, klinische Studien seien so etwas Ähnliches wie Tierversuche.“ Große Erwartungen bestehen laut Bullinger, was mRNA-basierte Impfstoffe gegen krebserkrankungen betrifft: „Da wird viel kommen.“

 

Bei manchen Indikationen ist allerdings mit längeren Zeiträumen zu rechnen, konstatierte Bullinger auf Nachfrage der Redaktion. Ihm zufolge betrifft dies nicht zuletzt das Mammakarzinom in seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Dies bestätigten auf Anfrage auch Jens Huober, einer der führenden Schweizer Onkologen, die Münchner Onkologin Nadia Harbeck, die auf Mammakarzinome spezialisiert ist, sowie Rupert Bartsch, Professor für Onkologie in Wien. Ihnen zufolge laufen klinische Studien. Mit Resultaten ist aber erst in einigen Jahren zu rechnen, mit Impfstoffen nicht vor dem kommenden Jahrzehnt.

 

ADCs zu bevorzugen

 

Als zu bevorzugende Erstlinientherapie bei metastasiertem Brustkrebs haben sich mittlerweile Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (Antibody-Drug-Conjugates, ADCs) etabliert, berichtete Harbeck bei einem Vortrag: „Sie sind deutlich besser als die bisherigen Standardtherapien, und diese waren schon sehr gut.“ Das habe eine Reihe von Studien gezeigt. Zwar treten beispielsweise bei der Gabe von Sacituzumab govitecan (Sg) als Nebenwirkungen Entzündungen der Mundschleimhaut (Stomatitis) sowie trockene Augen auf. Doch diese seien gut behandelbar, konstatierte Harbeck: „Bei den trockenen Augen heißt es einfach spülen, spülen und nochmals spülen. Da haben alle ihre Geheimrezepte.“ Eine weitere häufige Nebenwirkung bei ADCs sei Übelkeit (Nausea). Im Winterhalbjahr gelte es zudem, auf Infektionen, darunter insbesondere solche der Atemwege, zu achten.

 

Ausdrücklich betonte Harbeck, es sei wichtig, das erwartungsgemäß wirksamste Medikament als erstes zu verabreichen: „Zu dieser Zeit sind die Patientinnen noch am besten beisammen.“ Und leider erreiche nicht jede Erkrankte eine zweite Therapielinie. Den bisherigen Erfahrungen zufolge fällt etwa ein Drittel der Patientinnen bereits nach der ersten Therapielinie aus.

 

Wie lange aber sollen ADCs verabreicht werden? Laut Harbeck „vertragen leider nicht alle Patientinnen diese Medikamente gut.“ Die maximale Tumorreduktion werde von etwa 80 Prozent der Betroffenen nach rund zwei Jahren erreicht. Weil aber nicht alle Patientinnen eine zweijährige Gabe erreichen, sollte zumindest ein Jahr lang therapiert werden.

 

Ähnlich argumentierte der Schweizer Onkologe Huober in seinem Vortrag. Ihm zufolge sind die Nebenwirkungen von ADCs im Allgmeinen nicht schlimmer als jene moderner Chemotherapien. Die ADCs seien aber den „Chemos“ hinsichtlich des zu erwartenden Behandluingserfolgs überlegen.

 

Klinische Studien unverzichtbar
 

Jedenfalls aber sind klinische Studien weiter unabdingbar, betonte Ewald Wöll, Primar am Krankenhaus Zams in Tirol und Präsident der OeGHO. Gerade in Österreich bestehen indessen restriktive Bedingungen für die Durchführung solcher Studien: „Das ist ein enormer Aufwand.“ Die OeGHO habe ein Positionspapier mit Verbesserungsvorschlägen erarbeitet. Auf Nachfrage der Redaktion erläuterte Wöll, es handle sich zum Teil um Maßnahmen, die sich ohne finanziellen Aufwand umsetzen ließen. Beispielsweise sollte das Verfassen von Anträgen auf klinische Studien auch in englischer Sprache zugelassen werden. Zu unterbinden wäre die Notwendigkeit „multipler“ Anträge für die einzelnen Komponenten der Studien. Hilfreich wäre ferner, „Subzentren“ bilden zu dürfen: „Wenn Herr Kollege Dominik Wolf an der Universität Innsbruck eine klinische Studie durchführt und ich ihm aus 70 Kilometern Entfernung Patienten dazu schicken möchte, muss ich derzeit ein komplettes Studienzentrum aufbauen.“

 

Dazu komme, dass die rechtliche Prüfung von Studienanträgen oft länger dauere als die Studien selbst. Kein großes Problem ist dagegen die Aufnahme innovativer Onkologika in den Erstattungskodex, teilte Wöll auf Anfrage der Redaktion mit. Die OeGHO habe im Bewertungsboard für Arzneimittel zwar keine Stimme, aber immerhin einen Sitz, und könne ihre Expertise einbringen. Zumindest bis dato bestehe diesbezüglich kein Handlungsbedarf.

 

Der angesprochene Innsbrucker Onkologe Dominik Wolf, der dem Kongress präsidierte, empfahl der Politik dringend, nicht bei der Entwicklung von Therapien zu sparen: „Da her kommen ja die Innovationen.“ Zu diskutieren seien Möglichkeiten, um die Strukturen der Versorgung an Krebs Erkrankter weiter zu verbessern: „Wir sollten uns überlegen, wer wo was am besten machen kann.“ Als mögliches Vorbild nannte Wolf Dänemark, das sehr stark digital getrieben Strukturen aufweise.


 

Begrenzte Ressourcen

 

Wolfs Kopräsidentin, die Berliner Onkologin Maike de Wit, bedauerte, die personellen Ressourcen in der Medizin seien generell „extrem begrenzt“. Dies könnten auch noch so innovative Arzneimittel nicht ausgleichen. Oft fühlten sich an Krebs Erkrankten mit ihrer meist schockierenden Diagnose alleingelassen: „Wenn ihnen ein Mediziner sagt, sie haben Krebs, sind sie unter dem ersten Eindruck dieser Tatsache meist nicht mehr in der Lage, aufzunehmen, was ihnen darüber hinaus mitgeteilt wird.“ Große Bedeutung komme angesichts dessen Selbsthilfegruppen zu.

Bullinger riet, zu Informationsgesprächen eine Vertrauensperson beizuziehen. Die DGHO verweise überdies auf seriöse digitale Informationsplattformen. Auch die allgegenwärtige KI werde zunehmend zum Thema. Manche Programme seien bereits in der Lage, „Beratungsgespräche“ zu führen. Jedoch ist Vorsicht geboten, warnte Bullinger: Wie in anderen Bereichen auch, tendiere die KI dazu, zu „halluzinieren“ und falsche „Informationen“ zu geben.