Archive - 2026

October 13th

Impfstoffhersteller: Impfen in Apotheken rasch ermöglichen

Die Bundesregierung sollte ihre Ankündigung vom Feber, diese „niederschwellige“ Option zum Schutz vor Infektionskrankheiten mit 1. Jänner 2027 zuzulassen, zügig umsetzen, fordert der Spartenverband ÖVIH.

 

Die Bundesregierung sollte rasch die rechtlichen Voraussetzungen für das Impfen in Apotheken schaffen, fordert der Österreichische Verband der Impfstoffhersteller (ÖVIH). Verbandspräsidentin Sigrid Haslinger bekundete bei einer Pressekonferenz, die Bundesregierung habe im Feber des heurigen Jahres angekündigt, dies ab 1. Jänner 2027 zu ermöglichen. Jedoch fehlten nach wie vor die rechtlichen Grundlagen, konkret, eine diesbezügliche Novelle des Apothekengesetzes. Auf Nachfrage der Redaktion konstatierte Haslinger sinngemäß, eine solche Novelle könnte noch zeitgerecht vor Jahresende in Kraft treten. Bekanntlich hat der Bundesrat acht Wochen Zeit, einen entsprechenden Beschluss des Nationalrats zu beeinspruchen. Haslinger zufolge sollten die Apotheken zumindest sämtliche in Österreich zugelassenen Totimpfstoffe verimpfen dürfen. Zurzeit werde die Sinnhaftigkeit des Impfens in der Bevölkerung verstärkt zur Kenntnis genommen: „Das sollten wir nutzen.“

 

Sinnvoll könnte laut ÖVIH-Vizepräsidentin Nicole Zahradnicek sein, mit FSME-Impfungen zu beginnen. Von dieser Krankheit ist Österreichs Bevölkerung besonders betroffen, und die Durchimpfungsrate sinkt. Von Jänner bis einschließlich September des heutigen Jahres seien österreichweit 155 FSME-Fälle aufgetreten, verglichen mit 132 Fällen im gesamten Jahr 2025. Zwar verfügen rund 76 Prozent der Personen, die geimpft werden könnten, über eine Grundimmunisierung. Wichtig sei aber, den gesamten Impfzyklus zu durchlaufen und den Schutz regelmäßig aufzufrischen.

 

Zahradnicek ergänzte, das Impfen in Apotheken sei in 19 europäischen Ländern möglich und bewähre sich. In Irland etwa sei es seit 2011 zulässig. Seither habe sich die Durchimpfungsrate bei Influenza um etwa 50 Prozent erhöht: „Es wurden auch Menschen erreicht, die sonst nur schwer einen Impfschutz erhalten hätten.“ Ähnlich stelle sich die Situation in Portugal dar. In der Schweiz wiederum dürfe seit 2015 in Apotheken geimpft werden. Etwa zwei Drittel der eidgenössischen Apotheken machten von dieser Erlaubnis Gebrauch. Grundsätzlich handle es sich beim Impfen in Apotheken um eine „niederschwellige“ Möglichheit zum Schutz vor Infektionskrankheiten.

 

Kräftige Ersparnisse

 

Zur notwendigen Ausbildung des Apothekenpersonals sowie zur erforderlichen Ausstattung der Apotheken wollten sich die ÖVIH-Vertreterinnen nicht äußern. Dies müsse die Standesvertretung mit der Politik klären, beschied Generalsekretärin Renée Gallo-Daniel. Allfällige Risiken für Impfwillige halten sich aber in Grenzen, betonte Haslinger. Dies sei durch einschlägige Studien belegt.

 

Keine offiziellen Zahlen gibt es zum Spartenumsatz, teilte Haslinger der Redaktion mit. Daher lässt sich auch nicht sagen, was beispielsweise eine Erhöhung der FSME-Durchimpfungsrate um ein Prozent der Sparte finanziell bringen würde. Im ÖVIH arbeiten sechs Pharmaunternehmen zusammen, nämlich Astrazeneca, MSD, Pfizer, Takeda, Valneva und Viatris. Haslinger selbst ist bei MSD Österreich für Market Access, Policy & Communication zuständig. Zahradnicek führt bei Pfizer hierzulande die Geschäfte. Gall-Daniel wiederum ist im Aufsichtsrat von Pfizer Manufacturing in Österreich vertreten.

 

Zum volkswirtschaftlichen Nutzen von Impfmaßnahmen heißt es auf der ÖVIH-Website, europaweit ließen sich durch Influenzaimpfungen pro Jahr rund 250 Millionen Euro an Einsparungen in den Gesundheitssystemen darstellen. Davon entfielen rund 130 Millionen Euro auf die Vermeidung von „1,6 Millionen Grippefällen und 45.000 Krankenhauseinweisungen“, 22 Millionen auf rund 700.000 vermiedene Besuche bei Hausärzten sowie 96 Millionen auf die „Vermeidung von 715.000 verlorenen Arbeitstagen und durch die Vermeidung eines Produktivitätsverlustes“.

 

Ergänzen, nicht ersetzen

 

Ausdrücklich betonten die ÖVIH-Vertreterinnen, das Impfen in Apotheken solle andere Angebote ergänzen, aber keineswegs ersetzen. Weiter notwendig bleibe das Impfen durch (Haus-)Ärzte, in Schulen, Betrieben und Impfinstituten. Mit hartnäckigen Impfgegnern lässt sich übrigens nichts machen, bedauerte Haslinger im Gespräch mit der Redaktion: „Das muss man leider in Kauf nehmen.“ Immerhin halte sich der Anteil der Betreffenden an der Bevölkerung mit rund fünf Prozent in Grenzen.

 

Grundsätzlich begrüßt würde das Impfen in Apotheken vom Pensionistenverband, teilte Präsidentin Birgit Gerstorfer in einer Aussendung mit. Sie forderte jedoch „ klare Sicherheitsstandards, einen einfachen Zugang zu Schutzimpfungen und die Ausweitung kostenloser Impfangebote“. Die Patientensicherheit müsse „oberste Priorität“ haben.

 

 

October 12th

Personalisierte Therapien statt Chemo-„Gießkanne“

Bei der Behandlung von Krebserkrankungen hat sich viel verbessert, hieß es bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sowie ihrer österreichischen und schweizer Schwesterverbände in Wien. An Herausforderungen mangelt es dennoch nicht.

 

Weg von der „Gießkanne“ klassischer Chemotherapien zu hochspezifischen personalisierten Behandlungsformen führt der Weg beim Umgang mit Krebserkrankungen. Das berichtete die Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), Claudia Baldus, bei der Jahrestagung ihrer Organisation sowie deren österreichischer und schweizer Schwesterverbände OeGHO, SSMO und SGKSSH in Wien. Baldus zufolge ist es notwendig, innovative Therapien von der Forschung und Entwicklung in die breite Anwendung zu bekommen. Dazu müssen diese bisweilen an die Erfordernisse der täglichen Versorgung angepasst werden. Ein zentrales Thema ist laut Baldus ferner die Prävention, durch deren konsequenten Einsatz die Entstehung von etwa 40 Prozent der Tumoren hintangehalten könnte. Baldus zufolge bestehen dafür jedoch zwei nicht zu unterschätzende Hindernisse. Erstens handelt es sich um die Finanzierung: „Es gibt in den Gesundheitssystemen oft kein Geld für Krankheiten, die noch nicht aufgetreten sind.“ Zweitens ist das Bewusstsein hinsichtlich der Kresbvorsorge in der Gesellschaft nach wie vor zu wenig entwickelt. Und die Politik scheut unpopuläre, aber wirksame Maßnahmen: „Wenn eine Packung Zigaretten 100 Euro kosten würde, würde die Zahl der Raucher radikal sinken“ sinnierte Baldus. Mehr getan werden müsste weiters, um die Früherkennung zu verbessern, nicht zuletzt beim Mammakarzinom und bei Darmkrebs, konstatierte Baldus.

 

Laut Lars Bullinger, dem Vorsitzenden der DGHO, hat sich die Lage bei der Behandlung von Krebserkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten grundsätzlich stark verbessert. Etwa 50 Prozent der Tumoren seien mittlerweile heilbar: „Das ist ein enormer Fortschritt.“ Bei manchen Formen beläuft sich die Überlebenszeit nach der Diagnose auf etwa 17 Jahre: „Wenn jemand im Alter von 70 Jahren erkrankt, ist das schon etwas.“ Leider sind die für die Entwicklung noch besserer Medikamente unverzichtbaren klinischen Studien in der Öffentlichkeit noch immer negativ konnotiert, bedauerte Bullinger: „Nicht wenige Menschen glauben, klinische Studien seien so etwas Ähnliches wie Tierversuche.“ Große Erwartungen bestehen laut Bullinger, was mRNA-basierte Impfstoffe gegen krebserkrankungen betrifft: „Da wird viel kommen.“

 

Bei manchen Indikationen ist allerdings mit längeren Zeiträumen zu rechnen, konstatierte Bullinger auf Nachfrage der Redaktion. Ihm zufolge betrifft dies nicht zuletzt das Mammakarzinom in seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Dies bestätigten auf Anfrage auch Jens Huober, einer der führenden Schweizer Onkologen, die Münchner Onkologin Nadia Harbeck, die auf Mammakarzinome spezialisiert ist, sowie Rupert Bartsch, Professor für Onkologie in Wien. Ihnen zufolge laufen klinische Studien. Mit Resultaten ist aber erst in einigen Jahren zu rechnen, mit Impfstoffen nicht vor dem kommenden Jahrzehnt.

 

ADCs zu bevorzugen

 

Als zu bevorzugende Erstlinientherapie bei metastasiertem Brustkrebs haben sich mittlerweile Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (Antibody-Drug-Conjugates, ADCs), also zielgerichtet wirkende Chemotherapien, etabliert, berichtete Harbeck bei einem Vortrag: „Sie sind deutlich besser als die bisherigen Standardtherapien, und diese waren schon sehr gut.“ Das habe eine Reihe von Studien gezeigt. Zwar treten beispielsweise bei der Gabe von Sacituzumab govitecan (Sg) als Nebenwirkungen Entzündungen der Mundschleimhaut (Stomatitis) sowie trockene Augen auf. Doch diese seien gut behandelbar, konstatierte Harbeck: „Bei den trockenen Augen heißt es einfach spülen, spülen und nochmals spülen. Da haben alle ihre Geheimrezepte.“ Eine weitere häufige Nebenwirkung bei ADCs sei Übelkeit (Nausea). Im Winterhalbjahr gelte es zudem, auf Infektionen, darunter insbesondere solche der Atemwege, zu achten.

 

Ausdrücklich betonte Harbeck, es sei wichtig, das erwartungsgemäß wirksamste Medikament als erstes zu verabreichen: „Zu dieser Zeit sind die Patientinnen noch am besten beisammen.“ Und leider erreiche nicht jede Erkrankte eine zweite Therapielinie. Den bisherigen Erfahrungen zufolge fällt etwa ein Drittel der Patientinnen bereits nach der ersten Therapielinie aus.

 

Wie lange aber sollen ADCs verabreicht werden? Laut Harbeck „vertragen leider nicht alle Patientinnen diese Medikamente gut.“ Die maximale Tumorreduktion werde von etwa 80 Prozent der Betroffenen nach rund zwei Jahren erreicht. Weil aber nicht alle Patientinnen eine zweijährige Gabe erreichen, sollte zumindest ein Jahr lang therapiert werden.

 

Ähnlich argumentierte der Schweizer Onkologe Huober in seinem Vortrag. Ihm zufolge sind die Nebenwirkungen von ADCs im Allgmeinen nicht schlimmer als jene von klassischen Chemotherapien. Die ADCs seien aber den klassischen „Chemos“ hinsichtlich des zu erwartenden Behandlungserfolgs überlegen.

 

Klinische Studien unverzichtbar
 

Jedenfalls aber sind klinische Studien weiter unabdingbar, betonte Ewald Wöll, Primar am Krankenhaus Zams in Tirol und Präsident der OeGHO. Gerade in Österreich bestehen indessen restriktive Bedingungen für die Durchführung solcher Studien: „Das ist ein enormer Aufwand.“ Die OeGHO habe ein Positionspapier mit Verbesserungsvorschlägen erarbeitet. Auf Nachfrage der Redaktion erläuterte Wöll, es handle sich zum Teil um Maßnahmen, die sich ohne finanziellen Aufwand umsetzen ließen. Beispielsweise sollte das Verfassen von Anträgen auf klinische Studien auch in englischer Sprache zugelassen werden. Zu unterbinden wäre die Notwendigkeit „multipler“ Anträge für die einzelnen Komponenten der Studien. Hilfreich wäre ferner, „Subzentren“ bilden zu dürfen: „Wenn Herr Kollege Dominik Wolf an der Universität Innsbruck eine klinische Studie durchführt und ich ihm aus 70 Kilometern Entfernung Patienten dazu schicken möchte, muss ich derzeit ein komplettes Studienzentrum aufbauen.“

 

Dazu komme, dass die rechtliche Prüfung von Studienanträgen oft länger dauere als die Studien selbst. Kein großes Problem ist dagegen die Aufnahme innovativer Onkologika in den Erstattungskodex, teilte Wöll auf Anfrage der Redaktion mit. Die OeGHO habe im Bewertungsboard für Arzneimittel zwar keine Stimme, aber immerhin einen Sitz, und könne ihre Expertise einbringen. Zumindest bis dato bestehe diesbezüglich kein Handlungsbedarf.

 

Der angesprochene Innsbrucker Onkologe Dominik Wolf, der dem Kongress präsidierte, empfahl der Politik dringend, nicht bei der Entwicklung von Therapien zu sparen: „Da her kommen ja die Innovationen.“ Zu diskutieren seien Möglichkeiten, um die Strukturen der Versorgung an Krebs Erkrankter weiter zu verbessern: „Wir sollten uns überlegen, wer wo was am besten machen kann.“ Als mögliches Vorbild nannte Wolf Dänemark, das sehr stark digital getrieben Strukturen aufweise.


 

Begrenzte Ressourcen

 

Wolfs Kopräsidentin, die Berliner Onkologin Maike de Wit, bedauerte, die personellen Ressourcen in der Medizin seien generell „extrem begrenzt“. Dies könnten auch noch so innovative Arzneimittel nicht ausgleichen. Oft fühlten sich an Krebs Erkrankten mit ihrer meist schockierenden Diagnose alleingelassen: „Wenn ihnen ein Mediziner sagt, sie haben Krebs, sind sie unter dem ersten Eindruck dieser Tatsache meist nicht mehr in der Lage, aufzunehmen, was ihnen darüber hinaus mitgeteilt wird.“ Große Bedeutung komme angesichts dessen Selbsthilfegruppen zu.

Bullinger riet, zu Informationsgesprächen eine Vertrauensperson beizuziehen. Die DGHO verweise überdies auf seriöse digitale Informationsplattformen. Auch die allgegenwärtige KI werde zunehmend zum Thema. Manche Programme seien bereits in der Lage, „Beratungsgespräche“ zu führen. Jedoch ist Vorsicht geboten, warnte Bullinger: Wie in anderen Bereichen auch, tendiere die KI dazu, zu „halluzinieren“ und falsche „Informationen“ zu geben.

 

 

October 8th

Agrana: Operativer Halbjahresgewinn deutlich gestiegen

Dass das Konzernergebnis fast 33 Mal so hoch ausfiel wie im ersten Halbjahr 2025/26, führt der Konzern vor allem auf bessere Ergebnisse in den Segmenten Stärke und Zucker zurück.

 

Der Frucht-, Stärke- und Zuckerkonzern Agrana erwirtschaftete im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026/27 einen Gewinn (Konzernergebnis) von 37,5 Millionen Euro. Dieser belief sich damit auf fast 33 Mal so viel wie im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/26, als er 1,1 Millionen Euro betragen hatte. Mit einem Plus von 0,5 Prozent blieb der Umsatz mit 1,70 Milliarden Euro stabil. Das EBITDA wuchs um 4,0 Prozent auf 110,4 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (EBIT) erhöhte sich um etwa 126 Prozent auf 63,4 Millionen Euro. Ein Wermutstropfen war die EBITDA-Marge, die mit 6,5 Prozent deutlich unter dem Richtwert von 10,0 Prozent lag.

 

Zurückzuführen war das bessere Halbjahresergebnis der Agrana zufolge vor allem auf die Entwicklung in den Segmenten Stärke und Zucker. Im Segment Stärke war das EBIT mit 17,2 Millionen Euro mehr als fünfmal so hoch wie im Vergleichszeitraum des Geschäftsjahres 2025/26. Als Grund nennt die Agrana den Anstieg der Ethanolmargen. Zwar sanken die Verkaufspreise für die wichtigsten Produkte. Doch gingen auch die Einkaufspreise für die Rohstoffe zurück. Weizen etwa war um etwa elf Prozent billiger als im ersten Halbjahr 2025/26. Weiterhin hoch war der Agrana zufolge der Wettbewerbsdruck, bedingt durch Überkapazitäten in Europa, volatile Rohstoffmärkte sowie die nach wie vor hohen Energie- und Rohstoffkosten. Als wichtig erwiesen sich daher die verstärkte Produktdifferenzierung, aber auch stabile Kundenbeziehungen und eine strenge Kostendisziplin.

 

Zucker bleibt das „Sorgenkind“

 

Im Segment Zucker verringerte sich zwar der Umsatz um 9,4 Prozent auf 280,4 Millionen Euro. Doch konnte die Agrana ihren operativen Verlust von 36,3 Millionen Euro auf rund 2,0 Millionen Euro signifikant verringern. Eitel Wonne ist die Lage auf dem Zuckermarkt aber nach wie vor nicht. Im Kleinkundenbereich erhöhten sich zwar die Verkaufsmengen, doch die Preise sanken. Bei den Industriekunden wiederum sah sich die Agrana mit fallenden Absatzmengen konfrontiert. Wegen des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran bleibt die Lage auf dem Erdölmarkt gespannt. Daher wird erwartet, dass Brasilien seine Produktion des biogenen Treibstoffs Ethanol ausweiten wird. Deshalb war in letzter Zeit ein „deutlicher Anstieg des Weltmarktpreisniveaus“ zu verzeichnen. Ihre EBIT-Verbesserung im Segment Zucker führt die Agrana nicht zuletzt auf die „deutlich niedrigeren Herstellungs- und Strukturkosten“ zurück. Mit dieser Formulierung ist insbesondere die Schließung der Zuckerfabriken in Leopoldsdorf und Hrusovany (Tschechien) gemeint.

 

Auf dem EU-Zuckermarkt war das Angebot im heurigen Jahr nach wie vor hoch. Im Juni lagen die Zuckerpreise daher bei 501 Euro pro Tonne, um 6,5 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Für das Zuckerwirtschaftsjahr 2026/27 wird dagegen „eine deutliche Verengung der globalen Zuckerbilanz“ erwartet. Bedingt ist dies durch die fragliche Entwicklung der Produktion in Brasilien, der EU, Indien und Thailand. Offen ist auch, welche Mengen an Zucker Brasilien für die erwartete Ausweitung der Ethanolerzeugung verwenden wird. Die Zuckerherstellung in der EU wird voraussichtlich um 3,1 Millionen Tonnen auf 13,4 Millionen Tonnen sinken. Gründe dafür sind der Rückgang der Rübenanbaufläche, die dürrebedingte schlechtere Ernte und sowie Schädlingsbefall.

 

Durchwachsene „Früchte“

 

Im größten Segment, genannt „Food and Beverage Solutions“ (grob gesprochen, dem früheren Geschäftsbereich Frucht), wuchs der Umsatz um rund 4,3 Prozent auf 896,4 Millionen Euro. Dies war vor allem auf die „moderaten“ Preis- und Mengensteigerungen bei Rezepturen zurückzuführen. Im Bereich Getränke musste die Agrana dagegen deutliche preisbedingte Umsatzrückgänge hinnehmen. Das EBIT bei den Rezepturen stieg geringfügig, unter anderem wegen des besseren Geschäftsverlaufs im Mittleren Osten und Afrika. Bei den Getränken lief das Geschäft dagegen nicht zuletzt aufgrund von Ernteeinbußen schlechter.

 

Hohe Erwartungen

 

Agrana-Vorstandschef Stephan Büttner zeigte sich mit dem Halbjahresergebnis zufrieden. Die Agrana habe sich „insgesamt im Rahmen unserer Erwartungen entwickelt. Trotz des herausfordernden Marktumfelds konnten wir unsere operative Performance verbessern und zentrale strategische Projekte konsequent vorantreiben. Ein Schwerpunkt bleibt die planmäßige Integration von Austria Juice und Mercator-Emba. Beide Unternehmen stärken bereits unseren Geschäftsbereich Food & Beverage Solutions. Im Fokus stehen Synergien, effizientere internationale Strukturen und gemeinsame innovative Kundenlösungen. Mit dem Kaufvertrag für die geplante Akquisition von Esarom haben wir zudem einen weiteren wichtigen strategischen Schritt im Rahmen unserer Portfolio-Strategie gesetzt“.

 

Für das gesamte Geschäftsjahr 2026/27 rechnet die Agrana „mit einem EBIT, das sehr deutlich über dem Vorjahr liegen soll“. Es dürfte sich auf etwa 90 bis 110 Millionen Euro belaufen. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2025/26 hatte es 3,2 Millionen Euro betragen.

 

 

 

 

 

 

October 7th

Bayer: Milliardeninvestition in den USA

Um 2,2 Milliarden US-Dollar baut der deutsche Konzern eine neue Arzneimittelfabrik nordöstlich von Columbus, der Hauptstadt des Bundesstaats Ohio. Sie soll in den Jahren 2031 bis 2034 in Betrieb gehen.

 

Rund 2,2 Milliarden US-Dollar investiert der deutsche Agrochemie- und Pharmakonzern Bayer in den Bau einer Arzneimittelfabrik in New Albany nordöstlich von Columbus, der Hauptstadt des Bundesstaats Ohio. Die Anlage besteht aus zwei Modulen. Das erste davon dient der Erzeugung von Wirkstoffen und soll 2031 den Betrieb aufnehmen. Das zweite Modul wird fertige Medikamente herstellen. Seine Inbetriebnahme ist für 2034 geplant. Insgesamt entstehen etwa 600 Arbeitsplätze, teilte Bayer in einer Aussendung mit. Nach eigenen Angaben investierte der Konzern in den vergangenen fünf Jahren in den USA etwa sieben Milliarden US-Dollar, zu denen nun die genannten zwei Milliarden hinzukommen.

 

Im Pharmasektor hat Bayer eine Zentrale in Whippany im Bundestaat New Jersey etwa 30 Kilometer westlich von Manhattan. Ferner verfügt der Konzern über Niederlassungen in Pittsburgh (Pennsylvania), Berkeley (Kalifornien), Cambridge (Massachusetts) sowie San Diego (Kalifornien). Vertreten ist Bayer auch im „Research Triangle Park“ (RTP) in North Carolina, gelegen im Grenzgebiet der Counties Durham im Nordwesten, Wake im Osten und Chatham im Südwesten. Laut der Research Triangle Regional Partnership hat der RTP eine Fläche von umgerechnet etwa 2.800 Hektar. Mehr als 250 Unternehmen sind dort ansässig.

 

Bayer bezeichnete den Bau der neuen Fabrik im Staate Ohio als „zentralen Bestandteil der langfristigen Wachstumsstrategie“ des Konzerns in den USA, die seinen größten Markt für Pharmazeutika darstellen. Die Anlage solle überdies „Teil eines neuen, in den USA angesiedelten Kooperationsnetzwerks werden“. Bayer-Vorstandschef Bill Anderson, der aus Ohio im Bundesstaat Texas stammt, konstatierte, die USA seien für Bayer „seit Langem ein wichtiger Produktionsstandort und bedeutendes Innovationszentrum. Diese wegweisende Investition bekräftigt unser langfristiges Engagement in den USA. Am neuen Standort bringen wir Produktionskompetenz und qualifizierte Fachkräfte zusammen, um Patienten in den Vereinigten Staaten und weltweit mit innovativen, hochwertigen Arzneimitteln zu versorgen“.

 

 

 

September 30th

BASF will Evonik kaufen

Die beiden deutschen Konzerne bestätigen sinngemäß „Sondierungen“. Fix ist aber noch nichts.

 

Die BASF plant, den Spezialchemiekonzern Evonik zu übernehmen. Beide Unternehmen bestätigten diesbezügliche „Sondierungen“. Die BASF teilte mit, sie prüfe „im Rahmen ihrer Unternehmensstrategie fortlaufend die strategische Option von Akquisitionen, die ihre Kerngeschäfte stärken, einen hohen strategischen Fit aufweisen, profitables Wachstum und Wertsteigerung fördern. Dabei geht BASF diszipliniert vor. Das Unternehmen wird den Markt in Übereinstimmung mit den regulatorischen Vorgaben unverzüglich informieren, wenn und soweit dies erforderlich ist“.

 

Seitens der Evonik hieß es, ihr sei eine „unverbindliche Ansprache durch die BASF SE zugegangen. Diese ist auf ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien der Gesellschaft gerichtet. Gespräche finden derzeit nicht statt. Evonik beabsichtigt nicht, diesen Vorgang über die rechtlichen Erfordernisse hinaus weiter zu kommentieren oder Anfragen dazu zu beantworten“.

 

Größer Eigentümer der Evonik, der ehemaligen RAG-Beteiligungs-AG, ist die RAG-Stiftung, die für den Umgang mit den Hinterlassenschaften des Steinkohlebergbaus in Deutschland zuständig ist. Sie hält an der Evonik nach eigenen Angaben etwa 44 Prozent. Im Jahr 2025 erwirtschaftete die Evonik rund 14,07 Milliarden Euro Umsatz, um 7,2 Prozent weniger als 2024. Das bereinigte Konzernergebnis lag mit 634 Millionen Euro um 18,4 Prozent unter dem Wert von 2024.

 

Am 22. September gab die Evonik bekannt, in den kommenden drei Jahren ihre Strategie zu „schärfen“: „Das Produkt-Portfolio wird nach Rollenprofilen geordnet, allen großen Standorte in Deutschland werden spezifische Aufgaben zugeteilt. Zugleich wird die geostrategische Balance durch gezielte Wachstumsprojekte optimiert.“ Aus „Geschäftsaktivitäten, für die keine Perspektive im Unternehmen besteht“, will sich die Evonik zurückziehen. Interimistisch geführt wird der Konzern derzeit von Claus Rettig. Der langjährige Vorstandschef Christian Kullmann ist nach einer unerwarteten Operation Ende August auf Genesungsurlaub.

 

 

 

 

September 28th

Borouge International mit neuer Compoundinganlage

Mit der 100-Millionen-Investition in Schwechat wurde „strategische Infrastruktur“ für den Polyolefinkonzern geschaffen. Nicht zuletzt verarbeitet dieser dort im Sinne der Kreislaufwirtschaft hochwertiges Recyclingmaterial.

 

 

Etwa 100 Millionen Euro investierte der Polyolefinkonzern Bourouge International (BI) in eine neue Anlage zur Herstellung von Verbundwerkstoffen (Spezialpolypropylen-Compounds) am Standort Schwechat. Zu ihrer Kapazität machte das Management des Unternehmens bei der offiziellen Eröffnung aus Wettbewerbsgründen keine Angaben.

 

Vorstandschef Roger Kearns sprach von einem „wichtigen Investment“. Mit den Erzeugnissen würden Kunden in bedeutenden Märkten beliefert. Nicht zuletzt stelle die BI in der neuen Anlage Compounds her, die je nach Bedarf der Kunden unterschiedlich hohe Anteile an hochqualitativem Recyclingmaterial enthalten: „Wir setzen hier auf Spitzentechnologie und Recyclingkunststoffe der nächsten Generation.“ Damit schlage die BI ein neues Kapitel im Sinne der Kreislaufwirtschaft auf.

 

Roland Janssen, der mit 1. Oktober Stefan Doboczky als BI-Vertriebschef folgt, ergänzte, die Anforderungen an Kunststoffe stiegen stetig: „Es wird immer mehr Leistung zu immer niedrigeren Preisen verlangt.“ Auch das regulatorische Umfeld verschärfe sich. Daher seien Investitionen wie jene in Schwechat nötig, um technisch im Spitzenfeld zu bleiben. Die in der neuen Anlage erzeugten Werkstoffe werden laut Janssen nicht zuletzt an Kunden in der Automobilindustrie, in der Haushaltsgerätebranche sowie im Infrastrukturbereich geliefert.

 

Hasan Karam, Chief Operating Officer der BI, konstatierte, die neue Anlage sei ein „Eckstein“ für seinen Konzern: „Das ist eine unserer strategischen Infrastrukturen.“

 

Kunststoffe im „Fleischwolf“

 

Produziert wird überwiegend im Auftrag von Kunden und in enger Abstimmung mit diesen, hieß es bei der Besichtigung des Werks. Die BI sei in der Lage, flexibel auf sich ändernde Bedarfslagen zu reagieren, wozu unter anderem ein Hochregallager diene. Wesentlich ist, dass die BI eine breite Palette von Einsatzstoffen verarbeiten kann. Geliefert werden diese üblicherweise in fester Form.

 

Die Erzeugung der Compounds erfolgt in Doppelschneckenextrudern, die von BI-Fachleuten launig als „riesige Fleischwölfe“ für Kunststoffe bezeichnet wurden. Durch die Drehung der Extruderschnecken entsteht Wärme, die die Einsatzstoffe aufschmilzt und, was zentral ist, homogenisiert. Der entstehende Kunststoff wird durch eine Lochplatte gepresst. So entstehen „Polymerwürste“, die mit einem Schneidwerkzeug in Pellets zerschnitten werden. Vor der Auslieferung an die Kunden durchlaufen die Materialien strenge Qualitätskontrollen.

 

Politik erfreut

 

Erfreut zeigte sich die bei der Eröffnung anwesende Politik. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer betonte, es sei „entscheidend“, industrielle Produktion in Österreich zu halten. Darum bemühe sich die Bundesregierung nach Kräften. Unter anderem plane sie bekanntlich die Einführung eines Industriestrompreises, wolle die kommerzielle Speicherung aus Industrie- und Kraftwerksabgasen abgeschiedenen Kohlendioxids (CCS) zulassen und richte die Forschungsförderungsagenturen neu aus. Ferner habe sie eine Novelle des Gesetzes über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zur Begutachtung ausgesandt. Mit dieser sollen Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Nur mit Innovation, Forschung und Entwicklung, wie sie nicht zuletzt die BI betreibe, könne Österreich dauerhaft wirtschaftlich erfolgreich sein.

 

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner verwies auf die gedeihliche Zusammenarbeit der BI mit der Landes-Wirtschaftsagentur ecoplus gerade im Bereich Kreislaufwirtschaft. Die Politik müsse die Wirtschaft entlasten, Genehmigungsverfahren beschleunigen und Investitionen ermöglichen. Zu diesem Zweck habe Niederösterreich eine „Task Force Wirtschaft“ eingerichtet.

 

 

 

September 23rd

Neue Gentechnik: Klage beim Europäischen Gericht

Deutsche Unternehmen und Interessenverbände gehen gegen die EU-Verordnung zur „Neuen Gentechnik“ vom Juni vor. Sie sehen unter anderem das Recht auf Unternehmensfreiheit sowie die Wahlfreiheit der Endkunden verletzt.

 

Acht deutsche Unternehmen sowie vier Interessenvertretungen im Bereich der Landwirtschaft haben unter Federführung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) eine Direktklage beim Europäischen Gericht (EuG) in Luxemburg eingereicht. Sie wollen die Verordnung der EU zur sogenannten „Neuen Gentechnik“ (Verordnung (EU) 2026/1388) zu Fall bringen, die im Juni verabschiedet wurde. Wie berichtet, werden damit sogenannte „NGT-1-Pflanzen“ von den bisherigen Regeln zu gentechnisch modifizierten Organismen befreit. Sie gelten als „gleichwertig“ zu Pflanzen, die durch natürliche Mutationen oder konventionelle Zuchtmethoden entstanden. Aus diesem Grund müssen unter anderem Produkte, die Material aus solche Pflanzen enthalten, im Handel nicht mehr als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden.

 

Laut den Klägern dürften mehr als 90 Prozent der künftig auf den Markt kommenden gentechnisch veränderten Pflanzen als „NGT-1-Pflanzen“ eingestuft werden. Ihnen zufolge sind die neuen Bestimmungen nicht gerechtfertigt. Sie widersprechen unter anderem „dem Vorsorgeprinzip, dem Gebot des Verbraucherschutzes und der Unternehmensfreiheit“. Vor allem wenden sich die Kläger gegen angebliche „wissenschaftlich falsche Annahmen zu Gleichwertigkeit von NGT-1 mit konventioneller Züchtung“, gegen die Abschaffung der vorsorgenden Umweltverträglichkeitsprüfung, gegen das Fehlen von Informations-, Nachweis- und Kennzeichnungspflichten für NGT-1-Pflanzen sowie gegen fehlende Schutzmaßnahmen vor Kontaminationen.

 

Existenz gefährdet

 

Die Koordinatorin der AbL für die Direktklage, Annemarie Volling, kritisierte, mit der NGT-Verordnung werde „der Deregulierung der Neuen Gentechniken Tür und Tor geöffnet. Die Verordnung nimmt dem Verbraucher die Wahlfreiheit. Trotz Risiken werden NGT-1 Pflanzen weder geprüft noch gekennzeichnet, obwohl sie nicht rückholbar sind. Transparenz und Abstandsregelungen sowie ein Standortregister sind nicht vorgesehen. Damit sind Verunreinigungen unseres Saatguts, unserer Ernten und Lebensmittel vorprogrammiert“. Dies bedrohe „die wirtschaftliche Existenz der naturnahen gentechnikfreien Landwirtschaft, bei ihren Kunden für die Gentechnikfreiheit im Wort steht“.

 

Der an der Universität Bremen lehrende Europarechtler Gerd Winter, der die Kläger gemeinsam mit zwei Rechtsanwälten vertritt, ergänzte, die Verordnung verletze die Rechte auf Unternehmensfreiheit und Eigentum sowie „die Gebote der Vorsorge, des hohen Umweltschutzniveaus und des Verbraucherschutzes“. Zwar seien die Hürden für die Zulassung der Klage erheblich. Doch habe der Europäische Gerichtshof (EuGH) schon 2018 festgestellt, „dass auch die Neue Gentechnik reguliert werden muss“.

 

„Historischer Sieg“ versus „Ende der Transparenz“

 

Anlässlich des Beschlusses der Verordnung im Europäischen Parlament argumentierte Berichterstatterin Jessica Polfjärd von der Europäischen Volkspartei, (EVP), es handle sich um einen „historischen Sieg für die europäischen Landwirtinnen und Landwirte und die Zukunft Europas. Mit der Genehmigung des Einsatzes neuer genomischen Techniken haben wir uns für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Ernährungssicherheit entschieden“.

 

Die Landwirtschaft verlange „seit langem Zugang zu diesen modernen Instrumenten für die Pflanzenzucht, die ihnen helfen können, widerstandsfähigere und weniger von Pestiziden abhängige Pflanzen zu züchten. Indem das Parlament diese sichere, wissenschaftlich fundierte Zuchttechnik zugänglich macht, unterstützt es die europäischen Landwirtinnen und Landwirte, wahrt unsere Ernährungssicherheit und trägt zu einer wettbewerbsfähigeren und innovativeren EU bei“.

 

Unterschiedlich fielen damals, wie berichtet, die Reaktionen in Österreich aus. Der Umwelt- und Agrarsprecher der ÖVP im EU-Parlament, Alexander Bernhuber, verlautete, durch den Beschluss werde „das mehr als 20 Jahre alte Gentechnik-Gesetz auf einen neuen wissenschaftlichen Stand gebracht. Neue Züchtungsmethoden können Pflanzen widerstandsfähiger gegen Klimaextreme und Schadorganismen machen und helfen, Dünger und Pflanzenschutz zu reduzieren. Jetzt geht es darum, in Österreich eine praxistaugliche Umsetzung zu finden“. Außerdem bleibe die „klassische“ Gentechnik in Österreich weiter verboten. Im Biolandbau sei auch die „neue“ Gentechnik nicht zulässig.

 

Dem gegenüber beklagte Thomas Waitz, der Delegationsleiter der österreichischen Grünen im EU-Parlament, das „Ende der Konsumenten-Transparenz. Durch den Wegfall der Kennzeichnungspflicht wird die gentechnikfreie Produktion, ein Erfolgsmodell der österreichischen Landwirtschaft, vor immense Herausforderungen gestellt. Das neue Gesetz ignoriert Sorgen und reale Gefahren und ist ein Geschenk an die globalisierte Chemie-Industrie, um ihre Marktmacht zu stärken und zwar auf Kosten von Konsumenten, Züchtern und Landwirten“.

 

Der SPÖ-Abgeordnete Günther Sidl konstatierte, „wer die Menschen bei neuen Technologien mitnehmen will, darf diese nicht vor ihnen verstecken. Wo Gentechnik drinnen ist, muss auch Gentechnik draufstehen“. Ein Problem ist für Sidl auch die Ausweitung der Patentierbarkeit von Pflanzen: „Wissenschaftlicher Fortschritt muss dem Gemeinwohl zugutekommen und darf nicht zum Geschäftsmodell einiger weniger multinationaler Saatgutkonzerne werden“.

 

 

 

September 21st

Klimagesetz in Begutachtung

Die Regierung will die umstrittene Bestimmung noch heuer im Parlament beschließen lassen. Mancherlei ist nach wie vor unklar und umstritten.

 

Noch bis 30. Oktober läuft die Begutachtungsfrist für das Klimagesetz (KliG), dessen Entwurf seit Ende September vorliegt. Diesem zufolge setzt sich der Bund das Ziel, „dass Österreich in Einklang mit den Vorgaben aus dem Übereinkommen von Paris sowie dem Unionsrecht klimaneutral wird und die unionsrechtlichen Zwischenziele (Senkung der Treibhausgasemissionen in der Union von 90 Prozent bis 2040 gemäß Art. 4 Abs. 3 bis 5 des Europäischen Klimagesetzes) auf dem Weg zur Klimaneutralität erreicht“. Dies bedeutet, Österreich hat bis 2050 „klimaneutral“ zu werden. Ferner bekennt sich der Bund laut dem Entwurf zum KliG indessen „zum Ziel der Klimaneutralität 2040“. Einige Wochen vor der Vorlage des Entwurfs hatten Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner betont, für 2040 gelte ein „Zwischenziel“ einer Reduktion der CO2-Emissionen um 90 Prozent. Vizekanzler Andreas Babler konstatierte dagegen: „Österreich soll bis 2040 klimaneutral werden. Damit sind wir in Europa ganz vorne dabei.“

 

Bei einer Pressekonferenz bekundete der Klubobmann der NEOS im Nationalrat, Yannick Shetty, auf Anfrage der Redaktion, er sehe „keinen Widerspruch“ zwischen diesen Feststellungen. Hattmannsdorfer und Zehetner hätten die im EU-Emissionshandel (EU-ETS) abgebildeten Sektoren berücksichtigt, also vor allem die (energieintensive) Industrie sowie die Energiewirtschaft. Für diese gelte das Ziel einer Reduktion der Emissionen um 90 Prozent bis 2040 und um 100 Prozent bis 2050. Das KliG dagegen beziehe sich auf die „Non-ETS“-Sektoren, das heißt, den Verkehr, die Raumwärme und die Abfall- sowie die Landwirtschaft. Und diesbezüglich wolle Österreich bis 2040 „klimaneutral“ werden. Festgeschrieben ist im KliG-Entwurf eine verbindliche Obergrenze für die Gesamtemissionen Österreichs. Sie sinkt von 40,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2026 bis 2030 auf 29,6 Millionen Tonnen. Weitere Ziele nennt der Entwurf nicht.

 

„Fahrplan“ fürs Klima

 

Laut dem Entwurf zum KliG erarbeitet die Bundesregierung bis Ende 2027 und danach im Fünfjahresrhythmus einen „Klimafahrplan“ mit den Maßnahmen zur Umsetzung des Gesetzes. Ein „Korrekturmechanismus“ dient der Nachschärfung des „Klimafahrplans“, wenn Österreich Gefahr läuft, seine klimapolitischen Ziele zu verfehlen. Anpassungen sind aber auch vorgesehen, wenn „Ereignisse, Entwicklungen oder sonstige Umstände eintreten, die die wirtschaftliche Entwicklung, den Standort oder Arbeitsplätze gefährden“. Ausdrücklich heißt es in dem Entwurf, der „Klimafahrplan“ sei mit dem aufgrund von EU-Vorgaben alle zehn Jahre zu erstellenden Nationalen Energie- und Klimaplan (NEKP) abzustimmen. Bei der Erarbeitung sowie bei allfälligen Änderungen des „Fahrplans“ wird die Regierung von einer „Steuerungsgruppe“ unterstützt, der Vertreter der zuständigen Ministerien sowie der Bundesländer angehören. Sie wird in einer „politischen“ sowie einer „fachlichen“ Version eingerichtet. Die „fachliche“ Variante der Gruppe kann „bei Bedarf weitere Personen zur Erörterung von Themen beiziehen“ und Arbeitsgruppen einrichten. Geschaffen wird ferner ein „wissenschaftlicher Klimabeirat“ zur Beratung der Regierung.

 

Kritik von der Wirtschaft

 

Kritik am Entwurf des KliG kommt von der Wirtschaft, die mögliche Wettbewerbsnachteile geltend macht. In wie weit sie tatsächlich betroffen ist, ist schwer einzuschätzen. Überwiegend sind ihre Emissionen durch das EU-ETS abgedeckt. Indirekte Kosten durch die Weiterverrechnung von Emissionszertifikaten werden ihr, grob gesprochen, zumindest zum Teil über das kommende Industriestrompreisgesetz sowie über das Standortabsicherungsgesetz abgegolten.

 

Das bestehende Klimaschutzgesetz gilt seit November 2011. Die im Gesetz festgelegten Reduktionsziele für die „Non-ETS“-Sektoren liefen Ende 2020 aus. Mit dem Inkrafttreten des KliG tritt das Klimaschutzgesetz außer Kraft. 

 

 

September 15th

EU-Chemieindustrie kämpft mit Herausforderungen

Laut dem Chemical Trends Report des EU-Branchenverbands Cefic kann von einer Rückkehr zu nachhaltigem Wachstum vorerst keine Rede sein.

 

Im ersten Halbjahr 2026 entwickelte sich die Chemieindustrie in der EU besser als erwartet. Allerdings ist an Herausforderungen weiterhin kein Mangel, berichtet der Branchenverband Cefic in seinem aktuellen Chemical Trends Report. Die Produktion war im ersten Halbjahr 2026 um etwa 1,6 Prozent niedriger als im ersten Halbjahr 2025. Jedoch verzeichnete die Branche erhebliche regionale Unterschiede. In Spanien etwa erhöhte sich die Erzeugung gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,3 Prozent, in Frankreich um 1,0 Prozent. Dem gegenüber mussten die Niederlande einen Rückgang um 6,0 Prozent hinnehmen. In Italien sank die Produktion um 3,3 Prozent, in Deutschland um 2,7 Prozent. Sektorbezogen verringerte sich die Erzeugung im Bereich der „sonstigen Basischemikalien“ mit 9,2 Prozent am stärksten. Die Polymerherstellung sank um 6,5 Prozent, ebenso wie jene von Pflanzenschutzmitteln. Bei Pigmenten war ein Rückgang um 2,7 Prozent zu verzeichnen, bei Farben belief sich dieser auf 0,9 Prozent.

 

Positiv entwickelten sich die Erzeugerpreise. Der diesbezügliche Index erreichte einen dimensionslosen Wert von 124,1. Er lag damit um 4,2 Prozent über dem Niveau des ersten Halbjahres 2025. Die Verbraucherpreise wiederum erhöhten sich leicht um 0,4 Prozent.

 

Als nach wie vor unbefriedigend erachtet Cefic dem gegenüber die Auslastung der Fabriken. Wohl erreichte sie im dritten Quartal 2026 rund 75,0 Prozent, verglichen mit 74,4 Prozent im zweiten und 73,2 Prozent im ersten Quartal. Sie liegt aber um 6,3 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.

 

Verringerter Handel

 

Sorgen bereitet Cefic auch die Entwicklung des Handels. So belief sich der Wert der Exporte im ersten Halbjahr 2026 auf etwa 107,1 Milliarden Euro, um 7,2 Milliarden Euro oder 6,3 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum 2025. Einen Einbruch um 93 Prozent musste die Branche bei den Ausfuhren in die USA verkraften. Von den Volumina her lagen die gesamten Exporte mit 43,7 Millionen Tonnen um 6,2 Prozent unter dem Vorjahreswert. Auch die Importe gingen zurück, nämlich um 5,9 Prozent auf 88,7 Milliarden Euro. Die Volumina sanken sogar um 12,3 Prozent auf 46,0 Millionen Tonnen. Immerhin ergab sich finanziell gesehen ein Exportüberschuss von 18,4 Milliarden Euro.

 

Ein Problem bleiben weiterhin die Energiepreise, hält Cefic fest. Die durchschnittlichen Gaspreise lagen bei 45,1 Euro/MWh und waren damit um 15,7 Prozent höher als im ersten Halbjahr 2025. Im selben Zeitraum sanken die Gaspreise in den USA um etwa 9,0 Prozent auf 12,5 Euro/MWh, was die Wettbewerbssituation weiter verschärfte.

 

Insgesamt betrachtet, sieht sich Europas Chemieindustrie weiterhin starkem Gegenwind ausgesetzt, konstatiert Cefic. Nicht zuletzt die schwache Nachfrage, die unvorteilhafte Situation bei den Energiepreisen sowie die niedrige Auslastung der Fabriken verhindern bis auf Weiteres eine Rückkehr zu starkem und nachhaltigem Wachstum.

 

 

September 14th

EU: Forschungsergebnisse rascher vermarkten

Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft muss noch enger werden. Der europäische Binnenmarkt ist dringend weiterzuentwickeln, hieß es bei den Technology Talks des AIT.

 

Unter dem Motto „Empowering Europe: Technological Leadership for a Resilient Future“ standen die heurigen Technology Talks des Austrian Institute of Technology (AIT) in Wien. Und dieses Thema sei „genau richtig gewählt“, nicht zuletzt in wirtschaftspolitischer Hinsicht, betonte Elisabeth Zehetner, Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium (BMWET). So verfüge etwa Österreich über eine exzellente Forschungslandschaft und über eine starke industrielle Basis. Bei der Forschungsquote liege das Land mit über drei Prozent im EU-weiten Spitzenfeld. Jedoch sei es notwendig, die Ergebnisse heimischer Forschung verstärkt und rascher auf den Markt zu bringen: „Allzu oft erfolgt die Vermarktung nämlich durch andere.“ Ähnliches gelte für die EU insgesamt, ergänzte Zehetner. Der Zugang zur Forschungförderung müsse für die Unternehmen einfacher werden. Auch sei es notwendig, das Emissionshandelssystem ETS zu evaluieren: „Die Dekarbonisierung ist wichtig. Aber wir wollen keine Deindustrialisierung. Das ETS darf unserer Industrie nicht zum Schaden gereichen.“ Dringend erforderlich ist laut Zehetner ferner die Weiterentwicklung des europäischen Binnenmarktes, der bis dato nur unzureichend funktioniert. Eine wichtige Rolle beim Bestreben, Forschungsergebnisse wirtschaftlich nutzbar zu machen, spielt Zehetner zufolg überdies die öffentliche Beschaffung. Österreich etwa habe den bekannten „Made in Europe“-Bonus eingeführt, der weiterentwickelt werden müsse.

 

Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner konstatierte, Forschung sei wesentlich für Wohlstand und Sicherheit. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Offenheit Europas müsse wohlüberlegt gehandhabt und stratetisch ausgerichtet werden. Abhängigkeiten von Importen fossiler Energieträger sowie kritischer Rohstoffe seien durch „verlässliche Partnerschaften“ zu überwinden. „Souveränität und Resilienz werden aber nicht über Nacht geschaffen. Wir brauchen eine langfristige Perspektive“, resümierte die Ministerin.

 

Drei Prioritäten

 

Christian Ehler, Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) des EU-Parlaments, betonte, das Problem der EU bestehe nicht darin, keine Geschäftsmodelle für neue Technologien entwickeln zu können. Was indessen nach wie vor fehle, sei ein einwandfrei funktionierender Binnenmarkt. Ehler, einer der maßgeblichen Wissenschaftspolitiker der CDU-CSU auf EU-Ebene, erläuterte, die Resilienz des Forschungssystems sei die Grundlage wirtschaftlicher, aber auch militärischer Widerstandsfähigkeit. Diesbezüglich nannte der EU-Parlamentarier drei Prioritäten: „stay open“, „pool efforts“ sowie „defend democracy“. Mit „stay open“ meint Ehler die Notwendigkeit, Forschungs- und Wirtschaftspolitik noch stärker zu verknüpfen und dabei offen für technologische Neuerungen zu bleiben. Solche entstünden nicht selten an der Basis und erhielten oft erst spät die gebührende Aufmerksamkeit. Als Beispiel erwähnte Ehler die Quantentechnik: „Meistens fördern wir die ohnehin etablierte Forschung und die großen Unternehmen. Und das ist ein Problem, weil niemand weiß, woher die nächste disruptive Idee kommen wird.“ Es sei daher notwendig, entsprechende Freiräume für die Forschung zu schaffen.

 

„Pool efforts“ bezeichnet die bekannte Forderung nach gemeinsamem Agieren der EU-Mitgliedsstaaten: „Europa kann nur geeint Erfolg haben. Das sagen wir immer wieder, handeln aber leider nicht danach.“ Unter dem Motto „defend democracy“ schließlich erfasst Ehlers die Bewahrung nicht zuletzt akademischer Freiheit: „Und das ist keine abstrakte Diskussion. Hier besteht Gefahr.“ Künstliche Intelligenz verändere die Art, wie Forschung betrieben wird. Auch verbreite sie Desinformation in bisher ungekannter Weise. Dazu komme das Agieren von monopolistisch orientierten Technologieunternehmen, das ebenfalls eine Herausforderung für die Demokratie darstelle. Dem gelte es mit aller gebotenen Entschiedenheit entgegenzutreten.

 

Fragmentierter Markt

 

Lars Reger, Executive Vice President und Chief Technology Officer der NXP Semiconductors mit Hauptsitz in Eindhoven in den Niederlanden, stellte fest, der US-amerikanische Bundesstaat Texas habe etwa die Größe Kontinentaleuropas, weise aber anders als dieses ein einheitliches Rechtssystem auf. Dem gegenüber sei der europäische Markt nach wie zu fragmentiert. Nach Ansicht Regers ist die weitere Verstärkung der Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten von größter Bedeutung: „Darüber hinaus müssen wir Forschung, Entwicklung und Produktion enger zusammenbringen.“

 

Ähnlich argumentierte die Rektorin der Universität Basel, Andrea Schenker-Wicki. Grundlagenforschung habe zweifellos ihre Bedeutung. Ebenso notwendig sei aber Unternehmertum. Dies vermittle ihre Einrichtung den Studierenden: „Wir versuchen, die Lücke zu schließen zwischen der Erkenntnis, was zu tun ist, und dem tatsächlichen Tun. Das ist harte Arbeit, aber es funktioniert.“ Künftige Ingenieure müssten mit Daten umgehen und analytisch denken können. Ferner benötigten sie soziale Kompetenzen sowie die Fähigkeit, sich an rasant ablaufende Veränderungen anzupassen.

 

Laut Sabine Herlitschka, der Vorstandsvorsitzenden von Infineon in Österreich, geben Europas Steuerzahler „sehr viel Geld“ für die Förderung wissenschaftlicher Forschung aus. Dies müsse zumindest in einigen Bereichen in weltweite Technologieführerschaft Europas münden. Die Grundlagen hierfür sind laut Herlitschka vorhanden. Allerdings bleibe mancherlei zu tun: „In China beispielsweise sind die Innovationszyklen wesentlich kürzer als in Europa. Daran sollten wir uns orientieren.“ Auch empfehle sich dringend, bestehende sowie allfällige künftige Partnerschaften zwischen der Industrie und der Wissenschaft zu stärken.

 

 

Seiten