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October 23rd, 2019

„Einheitliches Preisniveau“ gegen den Parallelhandel

Mit strengeren Transparenzvorgaben für die Pharmaindustrie und Maßnahmen gegen den Parallelhandel ließen sich die Engpässe bei der Arzneimittelversorgung bekämpfen, hieß es bei einer Pressekonferenz in Wien.

 

Vor allem zwei Ursachen sieht Ärztekammerpräsident Thomas Skezeres für die immer wieder auftretenden Engpässe bei der Verfügbarkeit von Arzneimitteln: Erstens werden die Grundsubstanzen oft nur mehr in einer einzigen Fabrik außerhalb Europas erzeugt. Fällt diese aus welchen Gründen auch immer aus, kann es weltweit zu Versorgungsproplemen kommen. Der zweite Grund ist der Parallelhandel, also die Tatsache, dass Medikamente ins Ausland verkauft werden, weil sich dort höhere Preise erzielen lassen als in Österreich, konstatierte Szekeres am 23. Oktober am Rande einer Pressekonferenz des Vereins Praevenire in Wien auf Anfrage des Chemiereports. Um dem Parallelhandel entgegenzuwirken, sollte in ganz Europa ein „einheitliches Preisniveau“ etabliert werden. Außerdem wünscht der Ärztekammerpräsident, dass die Pharmaindustrie die Ärzte rechtzeitig von voraussichtlichen Engpässen informiert. Damit ließe sich die Verschreibung nicht verfügbarer Präparate durch die Mediziner vermeiden. „Meistens gibt es ohnehin Alternativen“, konstatierte Szekeres.

 

Laut Gerald Bachinger, dem Sprecher der österreichischen Patientenanwälte, sind seitens des Gesundheitsministeriums ohnedies Maßnahmen vorgesehen, die den Wünschen Szekeres´ weitgehend entgegenkommen. So plant das Ministerium gesetzliche Meldepflichten für Pharmafirmen, um das Verschreiben zeitweilig nicht verfügbarer Arzneien zu verhindern. Ferner ist angedacht, den Parallelhandel zu untersagen, sobald in Österreich ein Engpass bei der Versorgung mit einem bestimmten Medikament ausgerufenb wurde. Bachinger selbst wünscht überdies, die Verschreibung von Wirkstoffen statt von Arzneimitteln vorzusehen.

 

Bei der Pressekonferenz präsentierte Hans Jörg Schelling, der Präsident des Vereins Praevenire, den Zwischenbericht zum Weißbuch „Zukunft der Gesundheitsversorgung“, das im Mai 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll. Ausgearbeitet wurden bis dato zehn Leitlinien zu 15 Themenkreisen, aus denen nunmehr Arbeitsgruppen Vorschläge erstellen. Die erste Leitlinie besagt, der Patient sollte „in den Mittelpunkt des Gesundheitssystems gestellt werden“. Weitere Leitlinien empfehlen, den Patienten „durch das Gesundheitssystem“ zu leiten, dieses System aus einem Topf zu finanzieren, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu stärken, die Prävention zu fördern und die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen - was summa summarum nicht eben neu ist.

Neu ist laut Schelling jedoch der Ansatz: Ihm zufolge krankten die bisherigen Debatten um die Reform des Gesundheitssystems daran, praktisch ausschließlich „Input-Diskussionen“ gewesen zu sein. „Man hat fast nur darüber geredet, wie viel Geld zur Finanzierung des Systems nötig ist. Statt dessen müssen wir eine ‚Output-Diskussion‘ führen, also fragen, welche Leistungen des Gesundheitssystems beim Patienten tatsächlich ankommen.“

 

Was den Output der Debatten im Rahmen von Praevenire betrifft, konstatierte Schelling: „Wir werden versuchen, so weit wie möglich zu einem Konsens zu kommen, aber auch darstellen, wo es Dissens gibt.“ Ihm zufolge sollte die künftige Bundesregierung dieses Handbuch „annehmen“ und bei ihren allfälligen gesundheitspolitischen Maßnahmen berücksichtigen.

 

Und der ehemalige Präsident des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger warnte: „Die Umsetzung von Maßnahmen im Gesundheitssystem dauert extrem lange.“ So habe die Einführung einer Hotline zur Patienteninformation gezählte fünf Jahre gedauert: „Ein wesentlicher Punkt war, ob das eine bundesweite oder eine länderspezifische Hotline sein soll.“ Allen Ernstes sei diskutiert worden, ob sich ein Telefonist aus dem Burgenland einem Anrufer aus Tirol oder Vorarlberg ausreichend verständlich machen könne. Schellings Kommentar: „So viel Hochdeutsch sollten eigentlich alle können.“

October 22nd

Opioidkrise: Einigung in Ohio

Drei Pharmagroßhändler und ein Hersteller bezahlen rund 260 Millionen US-Dollar an die Gesundheitsbehörden des amerikanischen Bundesstaates.

 

Die US-amerikanischen Arzneimittelgroßhändler McKesson, Cardinal und AmerisourceBergen sowie der israelische Pharmakonzern Teva Pharmaceutical Industries bezahlen insgesamt 260 Millionen US-Dollar an die Gesundheitsbehörden von Cuyahoga County und Summit County im US-Bundesstaat Ohio. Das berichtete die New Yorker Anwaltskanzlei Napoli Shkolnik, die die Behörden im Zusammenhang mit der Opioidkrise vertritt. Fortgesetzt wird dagegen der Rechtsstreit mit Walgreen Boots Alliance, CVS, RiteAid, Walmart sowie anderen US-Firmen, die ebenfalls Opioide an Endkunden verkauf(t)en. Hunter Shkolnik, einer der Chefs der Anwaltskanzlei, bekundete seine Entschlossenheit, alles zu tun, „um Gerechtigkeit und das bestmögliche Ergebnis für unsere Klienten zu erstreiten“. Mit der Zahlung vermeiden die Unternehmen Rechtsstreitigkeiten mit erheblichen Risiken.

 

Eine Reihe von Pharmakonzernen inklusive Arzneimittelhandelsgesellschaften wird verdächtigt, durch unverantwortliche Bewerbung von Opioiden für den Tod von bis zu 400.000 US-Amerikanern mitverantwortlich zu sein. Ihnen drohen im Zuger Prozesse in rund 2.000 Fällen empfindliche Strafen. Ende vergangener Woche boten zwei der größten Opioidhersteller sowie drei Großhändler an, insgesamt 48 Milliarden US-Dollar an die Gesundheitsbehörden mehrerer US-Bundesstaaten zu bezahlen. Dies stieß jedoch auf Skepsis. Der Generalstaatsanwalt von Ohio, Dave Yost, sprach von einem „Haufen Sperrholz, der auf einer Baustelle abgeladen wurde“. Laut Berechnungen der US Society of Actuaries erlitten die Gesundheitsbehörden der USA durch diese Krise in den Jahren 2015 einen Schaden von rund 630 Milliarden US-Dollar.

 

Teva betonte einmal mehr, keinerlei schuldhafte Handlungen gesetzt zu haben. Der Konzern stellt im Zuge seiner Einigung mit den Behörden Ohios Tabletten zur Behandlung von Opioidsucht zur Verfügung, deren Wert er mit etwa 25 Millionen US-Dollar beziffert. Ferner leistet er eine Barzahlung von 20 Millionen US-Dollar. Ihre Unschuld betonten in einer gemeinsamen Aussendung auch AmerisourceBergen, Cardinal Health und McKesson. Dennoch erklärten sie ihre Bereitschaft, „an einer umfassenden Lösung“ der Opioidkrise mitzuwirken.

 

 

 

October 9th

Chemie-Nobelpreis für Entwicklung des Lithium-Ionen-Akkus

Der Chemie-Nobelpreis 2019 geht an John B. Goodenough, Stanley Whittingham and Akira Yoshino für die Entwicklung des Lithium-Ionen-Akkumulators.

Die Grundlagen für die Entwicklung der heute allgegenwärtigen Lithium-Ionen-Akkus wurde während der Ölkrise der 1970er-Jahre gelegt: Der Ölkonzern Exxon investierte damals viel Geld in die Entwicklung von Energiequellen abseits fossiler Treibstoffe. Stanley Whittingham hatte 1972 von der Universität Standford zu Exxon gewechselt und entdeckte hier ein energiereiches Material (Titandisulfid), in dessen Hohlräumen Lithium-Ionen eingebaut (interkaliert) werden konnten und das daher als Kathodenmaterial für eine Li-Batterie in Frage kam.

John B. Goodenough, damals Professor an der Universität Oxford, sagte voraus, dass ein Metalloxid wesentlich bessere Eigensaften als Kathodenmaterial aufweisen müsste als das von Whittingham verwendete Metallsulfid. Nach einer systematisch angelegten Suche nach möglichen Kandidaten konnte er 1980 zeigen, dass mit Kobaltoxid eine Batteriezelle mit einer Spannung rund 4 Volt realisiert werden konnte.

 

Kommerzieller Einsatz durch neues Anodenmaterial

Mit diesem Kathodenmaterial schuf Akira Yoshino, Mitarbeiter der Asai Kasei Corporation in Japan 1985 das Prinzip der ersten kommerziell einsetzbare Lithium-Ionen-Batterie. Der wesentliche Schritt dazu war, die bis dahin verwendeten Anoden aus dem viel zu reaktiven metallischen Lithium durch Kohlenstoff-Lithium-Interkalationsverbindungen zu ersetzen, wie sie heute breitflächig verwendet werden. An beiden Polen der Zelle kommen damit Materialien zum Einsatz, die Lithium in ihre Struktur einbauen können, sodass die elektrische Spannung nicht durch eine chemische Reaktion erzeugt wird, die das Elektrodenmaterial abbaut.

Akkus auf der von den diesjährigen Chemie-Nobelpreisträgern entwickelten Basis kamen 1991 erstmals auf den Markt und haben als leichte, wiederaufladbare elektrochemische Energiequellen seither den Einsatz von tragbareren elektronischen Geräten, aber auch von Elektrofahrzeugen revolutioniert.

 

 

October 8th

Physik-Nobelpreis für kosmologische Theorie und Exoplaneten

Der Nobelpreis für Physik 2019 geht zu einer Hälfte an James Peebles für seine Beiträge zur Theorie des Kosmos, zur anderen Hälfte an Michel Mayor und Didier Queloz für die Entdeckung der ersten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems.

Peebles, der sein gesamtes akademisches Leben an der Universität Princeton verbrachte, gilt als Autorität in der theoretischen Kosmologie. Er war bereits in den 60er-Jahren einer der Theoretiker, die die kosmische Hintergrundstrahlung voraussagten, mit deren Messung man erstmals ein Echo des Urknalls nachweisen konnte. Die Informationen, die diese Spuren des frühen Universums enthielten, wurden durch Peebles‘ theoretisches Gerüst nach und nach entschlüsselt. Sein erstes Buch, „Physical Cosmology“ stieß die im Titel genannte Wissenschaft erst so richtig an. Spätere experimentelle Ergebnisse bestätigten seine Vorhersagen zu Variationen der Hintergrundstrahlung mit großer Genauigkeit und stützten damit seine Theorien der Strukturbildung im Universum. Zudem war er in den 70er-Jahren einer der Forscher, die eine nicht direkt beobachtbare „Dunkle Materie“ konzipierten, um Beobachtungen zu Galaxien und Galaxienhaufen deuten zu können.

Auch die beiden Schweizer Physiker Michel Mayor und Didier Queloz werden für eine astrophysikalische Pionierleistung ausgezeichnet: 1995 gelang ihnen die erstmalige Entdeckung eines Planeten außerhalb unseres Sonnensystems (eines sogenannten „Exoplaneten“), der um einen Sonnen-ähnlichen Planeten kreist. Mithilfe eines auf ein Teleskop im Haut-Provence-Observatorium in Südfrankreich montierten Spektrographen entdeckten sie den rund 50 Lichtjahre von der Erde entfernten Planeten 51 Pegasi b, der etwa die Größe des Gasriesen Jupiter hat und seinen Stern in nur vier Tagen umrundet. Die Entdeckung stieß ein ganz neues Feld astrophysikalischer Forschung an, bis heute sind mehr als 4.000 Exoplaneten beschrieben worden.

 

 

October 7th

Medizin-Nobelpreis 2019: Zellen reagieren auf geringen Sauerstoffgehalt

Der Medizin-Nobelpreis 2019 geht an William Kaelin Jr., Peter Ratcliffe und Gregg Semenza. Die drei Forscher haben jene Mechanismen aufgeklärt, mit denen Zellen auf Änderungen im Sauerstoffgehalt ihrer Umgebung reagieren.

Ist der Sauerstoffgehalt des arteriellen Bluts zu gering, spricht man von Hypoxie. Einer der Mechanismen, mit dem der Organismus darauf reagiert, ist die vermehrte Ausschüttung des Hormons Erythrpoetin (EPO), das die Produktion roter Blutkörperchen auslöst. Semenza und Ratcliffe fanden heraus, dass das für EPO codierende Gen in Abhängigkeit des Sauerstoffgehalts reguliert wird. Mitte der 1990er-Jahre fand Semenza darüber hinaus jenen Proteinkomplex (HIF), der durch Bindung an einen bestimmten DNA-Abschnitt die entscheidende Rolle in diesem Regulationsmechanismus spielt. Es zeigte sich, dass bei geringen Sauerstoffkonzentrationen eines der beiden Proteine (HIF-1α), aus denen der HIF-Komplex zusammengesetzt ist, nicht – wie unter gewöhnlichen Bedingungen üblich – von der dafür zuständigen molekularen Maschinerie abgebt wird.

Einen weiteren Baustein zum Verständnis konnte Kaelin beitragen: Bei der Erforschung bestimmter Krebserkrankungen mit hohem erblichem Risiko stieß er auf das Gen VHL, das den Ausbruch von Krebs verhindert. Zudem konnte er zeigen, dass in Zellen ohne VHL-Funktion Sauerstoff-regulierte Gene besonders stark exprimiert werden. Ratcliffes Gruppe klärte daraufhin auf, dass VHL direkt mit HIF-1α in Wechselwirkung tritt. Beiden Teams gelang es 2001 in zwei gleichzeitig publizierten Fachartikeln, diesen Mechanismus mit der Sauerstoff-Abhängigkeit in Beziehung zu bringen: Erhöhte Sauerstoffmengen führen zu einer Hydroxylierung von HIF-1α, die erforderlich dafür ist, dass VHL daran binden kann. Erfolgt dies nicht, unterbleibt der Abbau, der HIF-Komplex wird gebildet und bewirkt die verstärkte Produktion von EPO.

 

October 2nd

Pflanzenschutzmittelverordnung gilt ohne Wenn und Aber

Der Gerichtshof der Europäischen Union lässt die strafrechtliche Verfolgung französischer Umweltaktivisten wegen der Beschädigung von Glyphosat-Kanistern zu. Für die Pflanzenschutzmittelindustrie ist das aber kein Grund zum Jubeln.

 

„Es gibt nichts, was die Gültigkeit der Verordnung über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln in Frage stellen könnte.“ Das stellt der Gerichtshof der Europäischen Union in einem Urteil fest, das am 1. Oktober veröffentlicht wurde. In der Rechtssache C-616/17 ging es um Folgendes: Mitglieder der „Faucheurs volontaires d'OGM ariégeois“ („Freiwillige Schnitter der Ariège gegen GVO“) werden beschuldigt, in mehreren Städten im südwestfranzöischen Département Ariège Kanister mit Glyphosat beschädigt zu haben. Das Strafgericht von Foix, der Hauptstadt des Départements, wollte vom Europäischen Gericht wissen, ob die Pflanzenschutzmittelverordnung der EUm möglicherweise dem Vorsorgeprinzip nicht entspricht und daher ungültig ist. In diesem Fall könnte den „Faucheurs volontaires“ kein Straftatbestand zur Last gelegt werden.

 

Wie das Europäische Gericht nun urteilte, ist die Ansicht des Strafgerichts jedoch falsch. Er hält fest, „dass der Unionsgesetzgeber beim Erlass von Vorschriften zum Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln das Vorsorgeprinzip zu befolgen hat, um unter anderem ein hohes Gesundheitsschutzniveau sicherzustellen“. Weiters hat ein Unternehmen, das einen Antrag auf Zulassung eines Pflanzenschutzmittels stellt, sämtliche Stoffe offenzulegen, aus denen das Mittel besteht. Außerdem haben die am Zulassungsverfahren beteiligten Behörden den möglichen „Cocktaileffekt“ des Mittels zu untersuchen. Das heißt, sie müssen prüfen, wie die Bestandteile des Mittels zusammenwirken und welche Auswirkungen auf die Umwelt sich daraus ergeben können. Im Verfahren „haben die zuständigen Behörden insbesondere die zuverlässigsten verfügbaren wissenschaftlichen Daten sowie die neuesten Ergebnisse der internationalen Forschung zu berücksichtigen und den vom Antragsteller vorgelegten Studien nicht in allen Fällen ein überwiegendes Gewicht beizumessen“. Ferner hat die EU-Kommission das Recht, ein Pflanzenschutzmittel jederzeit neu zu prüfen, „unter anderem, wenn es aufgrund neuer wissenschaftlicher und technischer Kenntnisse Anzeichen dafür gibt, dass der Stoff die Genehmigungskriterien nach der Pflanzenschutzmittelverordnung nicht mehr erfüllt“. Ausdrücklich betont der Gerichtshof, „dass ein Pflanzenschutzmittel nur zugelassen werden kann, wenn nachgewiesen ist, dass es keine sofortigen oder verzögerten schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen hat, wobei dieser Nachweis vom Antragsteller zu erbringen ist“.

 

Aus all diesen Erwägungen gelangt das Europäische Gericht zu dem Schluss, dass es nichts gibt, das für die Ungültigkeit der Verordnung spräche.

 

Für die „Faucheurs volontaires“ heißt das, dass sie offenbar strafrechtlich angeklagt werden können - was freilich keine automatische Verurteilung nach sich zieht. Für die Pflanzenschutzmittelindustrie wiederum ist das Urteil kein Grund zum Jubeln. Selbst eine allfällige Verurteilung der Aktivisten wöge wohl nicht so schwer wie die nun vorliegende eindeutige Feststellung des Europäischen Gerichts, dass es an der Pflanzenschutzmittelverordnung und deren strengen Vorgaben schlechterdings nichts zu rütteln und zu deuteln gibt.

 

October 1st

Lubrizol: Rätselraten um Rouen

Nach einem Brand in der Fabrik des US-Spezialchemiekonzerns in der nordfranzösischen Stadt am 26. September gibt es nach wie vor eine Reihe offener Fragen.

 

Nach wie vor gibt es Unklarheiten über die Auswirkungen eines Brands in der Fabrik des US-amerikanischen Spezialchemiekonzerns Lubrizol in Rouen rund 100 Kilometer nordöstlich von Paris am 26. September auf die Umwelt sowie die Gesundheit der Bevölkerung. In der Anlage, die als „Betrieb der oberen Klasse“ gemäß der EU-Richtlinie 2012/18/EU zur Beherrschung der Gefahren schwerer Unfälle mit gefährlichen Stoffen (Seveso-III-Richtlinie) eingestuft ist, werden Additive für petrochemische Produkte erzeugt. Laut Angaben von Lubrizol war in den frühen Morgenstunden des 26. September außerhalb des Firmengeländes ein Brand ausgebrochen, der auf dieses übergriff. Rund 240 Feuerwehrleute bekämpften das Feuer, 90 Polizisten und 46 Gendarmen waren zur Sicherung des Geländes eingesetzt. Verbunden war der Brand mit starker Rauch- und Rußentwicklung sowie teils starker Absetzung von Rußteilchen in der Stadt und ihrer Umgebung. Dabei wurden nach Berichten der zuständigen französischen Behörden auch Asbestpartikel frei. Sie stammen von Dächern brennender Gebäude auf dem Betriebsgelände. Personen kamen bei dem Unglück nicht zu Schaden, betonte Lubrizol. Allerdings musste der Betrieb bis auf Weiteres stillgelegt werden. Zurzeit sind laut Lubrizol etwa 30 Mitarbeiter des Konzerns damit beschäftigt, die Feuerwehrleute zu unterstützen, die Betriebsanlagen zu reinigen und Untersuchungen durchzuführen.

 

Die Präfektur Seine-Maritime unter Pierre-André Durand richtete nach eigenen Angaben ein Krisenzentrum ein und setzte den gemäß der Seveso-III-Richtlinie für solche Fälle vorgesehenen Notfallplan (plan articulier d'intervention, PPI) in Kraft. Ferner veranlasste sie eine Untersuchung des Trinkwassers, nachdem laut Meldungen in sogenannten „sozialen Medien“ graues bzw. braunes Wasser aus Wasserhähnen und Toilettenspülungen in Wohnhäusern in Rouen sowie der Umgebung der ausgetreten war. Der Präfektur zufolge besteht jedoch keine Gesundheitsgefahr. „Das Wasser kann ohne Risiko verwendet werden, auch in jenen Gebieten, die direkt vom Rauch überzogen wurden“, hieß es in einer Mitteilung vom 30. September, 14:30 Uhr. Das Wasser in den 71 Kommunen der Métropole Rouen sei trinkbar. Keine Spuren einer Kontamination seien aufgefunden worden.

 

Weiters verfügte die Präfektur die vorläufige Sicherstellung von Milch, Honig und Eiern, die nach dem 26.September im Freiland erzeugt wurden. Sie dürfen von den Produzenten nicht in Verkehr gebracht werden, bis die Gesundheitsbehörden ihre Unbedenklichkeit festgestellt haben. Überdies empfahl die Präfektur der Bevölkerung, im Freien befindliches Kinderspielzeug gründlich zu reinigen, um allfällige Verschmutzungen mit den Rußpartikeln zu beseitigen. Selbst angebautes Obst und Gemüse kann der Behörde zufolge nach ordnungsgemäßer Reinigung ohne Bedenken verzehrt werden.

 

Wieder geöffnet sind seit 30. September die Schulen in der betroffenen Region, die sicherheitshalber geschlossen worden waren. Laut einem Bericht der Tageszeitung „Libération“ machten drei der Schulen jedoch von ihrem Recht Gebrauch, bei Gefahr im Verzug weiterhin geschlossen zu halten. Bei einer Reihe von Schülern waren Kopfschmerzen sowie Erbrechen aufgetreten.

September 30th

BASF: Ausbau in Antwerpen

Der deutsche Chemiekonzern erweitert seine Erzeugungskapazitäten für Ethylenoxid und Ethylenoxid-Derivate um 400.000 Tonnen pro Jahr.


Um 500 Millionen Euro baut BASF seine Fabriken in Antwerpen (Belgien) aus. Der deutsche Chemiekonzern steigert damit seine Kapazitäten zur Erzeugung von Ethylenoxid und Ethylenoxid-Derivate um rund 400.000 Tonnen pro Jahr, hieß es in einer Aussendung. Zum Vergleich: Zurzeit erzeugt BASF in Antwerpen und Ludwigshafen etwa 845.000 Tonnen solcher Stoffe. Geplant ist, die neuen Anlagen ab 2022 schrittweise in Betrieb zu nehmen. Ethylenoxid ist das Ausgangsmaterial für nichtionische Tenside, Ethanolamine, Glykolether, Polyetherpolyole sowie andere Spezialerzeugnisse. Zum Einsatz kommen diese unter anderem in der Haushalts- und Pflegemittelindustrie, in Industrieanwendungen und in der Automobilindustrie. Zu den Ethylenoxid-Derivaten, deren Produktionskapazität BASF steigert, gehören nichtionische Tenside, Glykolether für Automobilanwendungen sowie andere nachgelagerte Alkoxylate.

Unter anderem kann der Konzern nach eigenen Angaben damit der steigenden Nachfrage nach Hochleistungs-Bremsflüssigkeiten in Europa und Asien Rechnung tragen. Hartwig Michels, President Petrochemicals, BASF, verlautete, die „deutliche Kapazitätserweiterung wird es BASF ermöglichen, das fortgesetzte Wachstum unserer Kunden in Europa zu unterstützen“. Organisatorisch sind die neuen Anlagen dem Geschäftsbereich Petrocemicals des Konzerns zugeordnet. In diesem Bereich erwirtschaftete BASF im Jahr 2018 rund 6,9 Milliarden Euro. Das entspricht gut einem Zentel des Konzernumsatzes von 63 Milliarden Euro.

 

 

 

September 27th

Vorträge und Preise bei den Österreichischen Chemietagen

Von 24. bis 26. September fanden an der Johannes-Kepler-Universität Linz die 18. Österreichischen Chemietage statt, in deren Rahmen auch zahlreiche Auszeichnungen vergeben wurden.

Im Zwei-Jahres-Rhythmus lädt die Gesellschaft österreichischer Chemiker (GÖCH) zu dieser Veranstaltung ein, die turnusgemäß an einem der universitären Chemiestandorte stattfindet. In diesem Jahr war die JKU Linz an der Reihe, wo unter dem Vorsitz von Wolfgang Buchberger ein umfangreiches Vortrags- und Posterprogramm zusammengestellt wurde. Für gewöhnlich bilden die Stränge dabei das Repertoire der in Österreich vertretenen akademischen Forschungsfelder ab, entsprechend stark waren Organische und Anorganische Chemie, Elektro- und Materialchemie, Analytische und Umweltchemie vertreten.

Mit der Session „Industry Meets University“, bei der Vertreter von Adler Lacke, Clariant und Lenzing zu Wort kamen, öffnete GÖCH-Präsident Ernst Gruber, im Hautberuf Geschäftsführer von Axalta Coatings Austria, auch ein Fenster in Richtung industrieller Arbeitsweisen und Anwendungen. Ein Plenarvortag von Gisela Boeck (Universität Rostock), arbeitete die Beiträge von Julis Lothar Meyer bei der Etablierung des Periodischen Systems der Elemente heraus.

 

Auszeichnungsreigen

Wie üblich, gab es im Rahmen der Chemietage einen ganzen Reigen an Preisverleihungen. So ging der „Monatshefte für Chemie – Dissertationspreis“ an Noela Barrabés von Institut für Materialchemie der TU Wien, der „Monatshefte für Chemie – Habilitationspreis“ an Vittorio Pace vom Department für pharmazeutische Chemie der Uni Wien. Der ASAC Junganalytikerpreis wurde an Lisa Emhofer (JKU Linz), der Fritz-Feigl-Preis an Therese Wohlschlager (Uni Salzburg) vergeben. Dem am BOKU-Department IFA Tulln tätige Analytiker Rudolf Krska, der auf dem Gebiet der Sekundärmetaboliten von Pilzen und Pflanzen internationales Ansehen genießt, wurde die Fritz-Pregl-Medaille „für herausragende Beiträge auf dem Gebiet der Analytischen Chemie“ verliehen. Darüber hinaus wurden Dissertations- und Publikationspreise vergeben.

Arzneimittelforschung: Krach um Förderungen

Laut dem Ludwig-Boltzmann-Insitut für Health Technology Assessment profitiert die Pharmaindustrie von öffentlich finanzierter Grundlagenforschung, legt das aber nicht offen. Die Pharmig wehrt sich gegen den Vorwurf.

 

Die Pharmaindustrie rechtfertigt hohe Kosten für Medikamente oft mit Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Sie legt aber nicht ausreichend offen, dass diese Aufwendungen nicht selten zu einem erheblichen Teil von der öffentlichen Hand getragen werden. So lautet, zusammengefasst, die Kritik des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment (LBI-HTA) in dem kürzlich erschienenen Bericht „Public & philanthropic financial contribution to the development of new drugs“. Mittels einer dreistufigen Suchstrategie untersuchten Mitarbeiter des Instituts drei Medikamente gegen seltene Erkrankungen bei Kindern „und konnten für alle drei Förderungen in mehrstelliger Millionenhöhe nachweisen“, konstatierte Claudia Wild, die Leiterin des LBI-HTA, in einer Aussendung.

Für F&E in Bezug auf Nusinersen (Spinraza), ein von Biogen vermarktetes Mittel gegen Rückenmarksatrophie, gab die öffentliche Hand Wild zufolge im Zeitraum 2007 bis 2017 mindestens 20 Millionen Euro aus. Auf die gesamte F&E zu Rückenmarksatrophie sollen mindestens 165 Millionen Euro entfallen sein. Für Grundlagenforschung und Entwicklung hinsichtlich Cerliponase alfa (Brineura) von Biomarin, eine Arzei zur Behandlung einer Erbkrankheit bei Kindern, die zu fortschreitenden Hirnschäden führt, gab es staatliche Zuschüsse von mehr als 31 Millionen Euro. Geld der öffentlichen Hand erhielt auch die japanische Pharmafirma Kyowa Kirin. Für die Entwicklung ihres Medikaments Burosumab gegen eine Knochenerkrankung wandte der Steuerzahler mindestens 26,8 Millionen Euro auf.

Laut Wild war es auch mit der Suchmethode des LBI-HTA nicht möglich, sämtliche von den Pharmaunternehmen akquirierten Förderungen aufzufinden: „Dabei liefert eigentlich oft die – öffentlich und philanthropisch finanzierte – Grundlagenforschung jene Entdeckung oder zündende Idee, die später in einem Medikament Anwendung findet – und ist gleichzeitig mit hoher Ergebnisunsicherheit und Ressourcenaufwand verbunden.“

 

Konter der Pharmig

 

Der Pharmaindustrieverband Pharmig wollte das nicht unkommentiert stehenlassen. „Um Arzneimittelinnovationen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, investieren pharmazeutische Unternehmen mitunter Milliardenbeträge. Das beginnt oft schon damit, dass sie vielversprechende Projekte aus der Grundlagenforschung mit hohen Investitionen von kleinen Start-Ups oder anderen Institutionen übernehmen, um sie mit der notwendigen Infrastruktur im Zuge der klinischen Forschung weiterzuentwickeln. Weder bekommen forschende pharmazeutische Unternehmen derartige Projekte gratis, noch wird ihnen eine Erfolgsgarantie mit auf den Weg gegeben“, betonte Generalsekretär Alexander Herzog. Durchschnittlich seien „zwölf Jahre Entwicklungszeit und bis zu 2,2 Milliarden Euro“ zu veranschlagen. Somit gehe die Kritik an den angeblich (zu) hohen Arzneimittelpreisen einmal mehr ins Leere. Außerdem müsse endlich einmal der Nutzen der Medikamente anerkannt werden: „Gerne wird der Wert neuer Therapien auf ihren Preis reduziert. In Wahrheit aber kommen sie nicht nur den Patienten zugute, sondern der gesamten Gesellschaft, wenn letztlich Betroffene kürzer im Krankenhaus bleiben müssen, wenn Spitalsaufenthalte überhaupt vermieden und die Betroffenen wieder arbeitsfähig gemacht werden können.“

Und so üppig falle die Forschungsförderung gerade in Österreich nun auch wieder nicht aus, konstatierte Herzog: Sie belaufe sich auf 14 Prozent der Aufwendungen für eigenbetriebliche sowie Auftragsforschung. Nicht subventioniert würden allerdings die globalen klinischen Prüfungen, auf die der „Großteil der Arzneimittelentwicklungskosten“ entfalle. Außerdem sei die Grundlagenforschung ohnehin eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“. Ihre Förderung komme „allen anderen Forschungsformen und damit letztendlich uns allen zugute“. Es sei keineswegs allein die Pharmabranche, die davon profitiere.

 

 

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