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May 26th, 2021

Erhebliche Herausforderungen

Die Erzeugung von Impfstoffen und sonstigen Arzneimitteln in Österreich lässt sich nicht von heute auf morgen ausweiten, warnten Industrielle bei einer Pressekonferenz der Pharmig. Wünschenswert wären ihnen zufolge Maßnahmen zur Standortförderung. 

 

Was immer sich die Politik hinsichtlich der Ausweitung der Arzneimittel- und Impfstoffproduktion in Österreich wünscht - von heute auf morgen ist die Sache nicht zu machen. Das betonte Olivier Jankowitsch, seines Zeichens Vice President von Valneva Austria und für das COVID-19-Programm des französischen Pharmakonzerns in Österreich zuständig, bei einer Pressekonferenz des Pharmaindustrieverbands Pharmig. Einen etablierten Prozess zur Impfstoffherstellung auszuweiten und dafür bereits vorhandene Infrastrukturen zu nutzen, dauere etwa zwei bis sechs Monate. Wer auf der Grundlage der vorhandenen Infrastruktur einen neuen Prozess etablieren wolle, müsse rund drei bis neun Monate veranschlagen. Eine neue Fabrik an einem bestehenden Standort zu errichten, wiederum dauere zwischen eineinhalb und drei Jahren. Und wer einen neuen Standort aufzubauen beabsichtige, komme unter zwei bis vier Jahren nicht aus. Seinen in Entwicklung befindlichen Impfstoff gegen COVID-19 erzeuge Valneva daher in der bestehenden Fabrik im schottischen Livingston unweit von Edinburgh. Das Abfüllen in Fläschchen mit mehreren Impfstoffdosen sowie das Verpacken wiederum erfolge am Valneva-Standort Solna bei Stockholm in Schweden. Die erforderlichen Kapazitäten in Österreich gleichsam „auf der grünen Wiese“ aufzubauen, hätte laut Jankowitsch zu lange gedauert: „So etwas geht nicht ohne weiteres. Man braucht Gebäude, Geräte und Systeme sowie Personal.“ Und die regulatorischen Hürden seien auch nicht zu unterschätzen. Zwar überlege Valneva grundsätzlich, weitere Kapazitäten in der EU zu etablieren: „Aber das ist eine Kostenfrage. Und wie der Bedarf in drei, vier Jahren ausschauen wird, weiß ja niemand.“

 

Grundsätzliches Dilemma

 

Damit aber ist das grundsätzliche kommerzielle Dilemma von Unternehmen aller Art unter den Bedingungen der Marktwirtschaft und damit des Konkurrenzwesens angesprochen: Um ihren Profit zu optimieren, müssen sie den Bedarf an dem betreffenden Produkt – handle es sich nun um einen Impfstoff, um Blumentöpfe oder um Kaugummi - möglichst genau decken. Erzeugen sie zu wenig, können sie einen möglichen Ertrag nicht realisieren. Erzeugen sie dagegen zu viel, bleiben sie auf der nicht benötigten Ware sitzen. Der Aufwand für deren Entwicklung, Produktion und Zirkulation war vergebens, allerdings nicht ökonomisch umsonst: Er schlägt sich in Kosten nieder, die nicht weitergegeben werden können - und damit möglicherweise in einem Verlust. Und gerade im Pharmasektor ist der Entwicklungsaufwand bekanntlich alles andere als zu unterschätzen, wie Renée Gallo-Daniel, die Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller ÖVIH, bei der Pharmig-Pressekonferenz in Erinnerung rief.

 

Deshalb sind die Unternehmen gezwungen, Kosten jeglicher Art so weit wie möglich auszulagern und zu versuchen, die Konkurrenz zumindest zeitweilig auszuschalten. Und wer nicht einigermaßen sicher sein kann, Investitionen refinanzieren zu können, wird sich hüten, solche zu tätigen. Dies gilt zumal, da Industrieanlagen langlebige Wirtschaftsgüter sind. Es ergibt für ein Pharmaunternehmen schlechterdings ökonomisch keinen Sinn, eine viele Millionen Euro teure neue Fabrik zu errichten, allein um den mutmaßlich vergleichsweise kurzfristig auftretenden Bedarf an Impfstoff gegen COVID-19 zu decken. Die Fabrik muss langfristig ausgelastet werden können, um sich zu rechnen. Staatliche Wirtschafts- bzw. Standortförderung, wie sie auch bei der Pharmig-Pressekonferenz einmal mehr eingefordert wurde, ist ein Mittel zur Kostenauslagerung bzw. -kompensation und damit auch zum Anregen von Investitionen. Der in letzter Zeit in Diskussion geratene Patentschutz wiederum dient dazu, sich wenigstens über einige Jahre hinweg Wettbewerber vom Leibe zu halten. Und der „Staat der Industriegesellschaft“, wie ihn der deutsche Verwaltungsjurist Ernst Forsthoff einst nannte, ist zu solchen Maßnahmen bereit, weil er sich über die Sicherstellung wirtschaftlichen Wachstums und damit – zumindest dem Anspruch nach - des Wohlstands breitester Bevölkerungskreise legitimiert.

 

Beispiel Novartis

 

Wie das funktionieren kann, schilderte Michael Kocher, der Geschäftsführer der Österreich-Niederlassung des Schweizer Pharmakonzerns Novartis. Er ventilierte vergangenes Jahr bekanntlich die Verlagerung der Antibiotikaerzeugung vom Tiroler Kundl nach Asien – worauf Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck prompt 50 Millionen Euro als Investitionsanreiz zur Verfügung zu stellen wusste. Zupass kam dabei möglicherweise, dass Schramböck aus Tirol stammt. Ein teilweises oder völliges Abwandern eines der wichtigsten Industriebetriebe aus ihrem Heimatland wäre ihrer politischen Karriere wohl kaum förderlich.
Schramböck habe die Dringlichkeit der Sache damals erkannt und die Novartis „unglaublich unterstützt“, wusste Kocher bei der Pressekonferenz der Pharmig denn auch zu loben. Kritik übte der Pharmamanager dagegen an Bundeskanzler Sebastian Kurz: Überraschender Weise habe dieser die Absichten der EU-Kommission, den Patentschutz zeitweilig aufzuheben, „nicht sofort in Frage gestellt“.

 

Umfassendes Positionspapier

 

Nicht von ungefähr erarbeitete die Pharmig bereits vor einiger Zeit ein umfassendes Positionspapier, in dem sie ihre Wünsche zur Sicherung und weiteren Stärkung des Pharmastandorts Österreich zusammenfasst. Diesem zufolge sollte der Bund „gezielte Maßnahmen zum Ausbau bestehender Forschungsstellen und Produktionsanlagen in Österreich setzen“ sowie „Anreize für Investitionen in Forschung und Produktion am Standort Österreich weiter fördern und ausbauen“. Nicht zuletzt im Interesse der mittelständischen Pharmaunternehmen gehe es ferner darum, die „sektorale Förderung von Pharmaproduktion in Österreich“ möglich zu machen. Gewünscht wird überdies die Erleichterung des Zugangs der Patienten zu innovativen Arzneimitteln.

 

 

May 20th

Weiter Krach um Patentschutz

Der Pharmaindustrie zufolge ist dieser für die Arzneimittel- und Impfstoffentwicklung nötig. Internationale Verteilungsfragen seien über den Abbau von Handelsschranken zu lösen. Doch es gibt auch Gegenstimmen.

 

Die Auseinandersetzungen um den Patentschutz für die Pharmaindustrie im Allgemeinen und COVID-19-Impfstoffe im Besonderen gehen weiter. Der Generalsekretär des Pharmaindustrieverbands Pharmig, Alexander Herzog, betonte jüngst einmal mehr, es mangle keineswegs an Produktionskapazitäten: „Was dagegen immer noch nicht einwandfrei läuft, ist die weltweite Verteilung der produzierten Impfstoffe. Daran kann und wird eine allfällige, zeitlich befristete Aussetzung des Patentschutzes auf COVID-19-Impfstoffe nichts ändern.“ Statt dessen empfehle sich, Handelsschranken abzubauen und auf Exportverbote zu verzichten. Überdies gelte es „ärmere Regionen in der Handhabung der Impfstoffe zu unterstützen“. In Malawi etwa mussten laut Herzog „fast 17.000 Impfdosen vernichtet werden, weil das Ablaufdatum überschritten wurde“. Und Herzog fügte hinzu, der Patentschutz „ist und bleibt eine wichtige Triebfeder für Forschung und Entwicklung. Fällt dieser weg, wird sich das negativ auf die Forschungstätigkeit und damit auch auf die Verfügbarkeit medizinischer Innovationen auswirken“. Durchschnittlich dauere es etwa zwölf Jahre, ein Arzneimittel zur Marktreife zu entwickeln. Rund 5.000 bis 10.000 Substanzen müssten getestet werden, um einen einzigen vermarktungsfähigen Wirkstoff zu gewinnen: „Da ist enorm viel Risiko mit im Spiel. Daher müssen auch entsprechende Schutzmechanismen vorhanden sein.“

 

Ähnlich argumentierte die Geschäftsführerin des Fachverbandes der Chemischen Industrie Österreichs (FCIO), Sylvia Hofinger. Ihr zufolge fordern beispielsweise die USA neuerdings die Abschaffung des Patentschutzes. Gerade sie hätten jedoch bis dato „mit Exportverboten ihre Bevölkerung gegenüber dem Rest der Welt bevorzugt“. Verteilungspolitisch sinnvoll sei statt dessen „ein Schwenk hin zu mehr Ausfuhren, wie ihn die Pharmaunternehmen in der EU von Anfang an betrieben haben“. Dieser könne „rasch zu einer besseren Versorgung auch in ärmeren Regionen führen“. Ferner müsse die COVAX-Initiative besser genutzt werden, die ja gerade der Bereitstellung von Impfstoffen für Entwicklungs- und Schwellenländer diene. Ferner forderte Hofinger „die weitere Optimierung und den Ausbau von bereits bestehenden Produktionsstätten und Kooperationen in der Pharmaindustrie, um dauerhaft ausreichende Mengen an Impfstoffen zu gewährleisten. Diese wären auch bestens dafür geeignet, den Herstellungsprozess rasch zu adaptieren, sollten die Vakzine gegen neue Virusvarianten angepasst werden müssen“.

 

„Mehr Flexibilität bei den handelsbezogenen Aspekten der geistigen Eigentumsrechte in Zusammenhang mit Impfstoffen gegen das Coronavirus“ fordert dem gegenüber die entwicklungspolitische Sprecherin der SPÖ im Nationalrat, Petra Bayr. Sie verweist darauf, dass sich das Europäische Parlament für das zeitweilige Aussetzen des Patentschutzes für COVID-19-Vakzine aussprach. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron habe betont, es müssten „alle Beschränkungen in Bezug auf geistiges Eigentum beseitigt werden, die die Produktion jeglicher Art von Impfstoffen blockieren“. Für „Impfegoismus und kurzsichtige Geschäftsinteressen“ dürfe in der gegenwärtigen Lage kein Platz sein. Statt dessen müsse „der globale Süden selbst in die Lage versetzt werden, Impfstoffe für seine Bevölkerung herzustellen“. In einem Antrag an den Nationalrat verweist Bayr auf Aussagen der neuen Generaldirektorin der Welthandelsorganisation WTO, Ngozi Okonjo-Iweala, der zufolge ungenutzte Produktionskapazitäten für Impfstoffe auf der südlichen Hemisphäre binnen sechs Monaten auf die Herstellung von COVD-19-Vakzinen umgerüstet werden könnten. Daher müsse sich Österreich „dafür einsetzen, dass sich die EU für die Aussetzung handelsbezogener geistiger Eigentumsrechte zur Pandemiebekämpfung ausspricht“.

 

 

 

 

EU-Kommission: Impfstoffkauf bei Biontech-Pfizer

Die beiden Pharmaunternehmen müssen 2022 und 2023 bis zu 1,8 Milliarden Dosen ihres Vakzins gegen SARS-CoV-2 liefern, diese in der EU erzeugen und wesentliche Bestandteile dort kaufen.

 

Die EU-Kommission vereinbarte mit den Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer die Lieferung weiterer 1,8 Milliarden Dosen des SARS-CoV-2-Impfstoffs der Letzteren. Davon entfallen 900 Millionen Dosen auf das derzeitig Pharmazeutikum, die übrigen 900 Millionen auf Varianten gegen Mutationen des Virus. Vereinbarungsgemäß müssen die Unternehmen die Vakzine 2022 und 2023 liefern. Zum Preis machte die Kommission keine Angaben. Biontech und Pfizer sind verpflichtet, die Arzneimittel in der EU zu erzeugen und wesentliche Bestandteile davon innerhalb der EU zu kaufen.

 

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zufolge erwies sich in den vergangenen Monaten, „dass wir ein breites Portfolio an Impfstoffen und verschiedenen Technologien ebenso brauchen wie verlässliche Partner. Da das Impftempo jeden Tag zunimmt und immer intensiver an wirksamen Therapeutika gearbeitet wird, können wir mit mehr Optimismus und Vertrauen in die Zukunft blicken“.

 

Die Kommission beschaffte im Auftrag der EU-Mitgliedsstaaten SARS-CoV-2-Impfstoffe von Biontech-Pfizer, Astrazeneca, Sanofi-GSK, Janssen Pharmaceutica NV, CureVac und Moderna. Das Vakzin von Astrazeneca wird nach einer Reihe von Unstimmigkeiten allerdings nicht mehr abgerufen. Im Wesentlichen besagen die Verträge mit den Pharmakonzernen, dass die EU-Kommission in einem bestimmten Zeitraum eine vereinbarte Anzahl von Impfstoffdosen kaufen kann. Im Gegenzug übernimmt sie „einen Teil der Vorlaufkosten der Impfstoffhersteller in Form von Abnahmegarantien“, hieß es in einer Aussendung.

 

 

May 4th

Agrana: Dividende steigt um 10 Prozent

Johann Marihart verabschiedet sich mit guten Ergebnissen und Aussichten in die Pension. Diese kommen auch den Aktionären zugute.

 

Zum Abschied erfreut „Mister Agrana“ Johann Marihart noch einmal seine Aktionäre: Er schlägt der Hauptversammlung des Frucht-, Stärke- und Zuckerkonzerns vor, für das Geschäftsjahr 2020/21 eine Dividende von 0,85 Euro je Aktie zu bezahlen. Verglichen mit den 0,77 Euro für das Jahr 2019/20 ist das eine Erhöhung um etwa 10,4 Prozent. In einer Aussendung der Agrana hieß es, deren Dividendenpolitik orientiere sich „nicht nur am Ergebnis, sondern auch am Cashflow sowie an der Verschuldungssituation des Konzerns unter Wahrung einer soliden Bilanzstruktur. Weiters bezieht Agrana aktuelle Ereignisse und die zukünftig zu erwartende Geschäftsentwicklung in ihre Dividendenpolitik mit ein“.

 

Nach eigenen Angaben erzielte der Konzern im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 2,55 Milliarden Euro, was einem Plus von etwa 2,8 Prozent entspricht. Das operative Ergebnis (EBIT) wuchs um 17,6 Prozent auf 78,7 Millionen Euro, das Ergebnis je Aktie verdoppelte sich von 0,45 auf 0,96 Euro. Und für das laufende Geschäftsjahr 2021/22 rechnet die Agrana mit einem EBIT-Zuwachs zwischen zehn und 50 Prozent. Allerdings warnte die: „Aufgrund der andauernden COVID-19-Krise und der damit verbundenen hohen Volatilität in allen Segmenten ist diese Prognose von sehr hoher Unsicherheit geprägt.“

 

Marihart geht bekanntlich am 31. Mai in Pension. Er leitete die Agrana seit 1991 und baute diese zu einem internationalen Konzern aus. Als wesentliche Schritte in diesem Zusammenhang gelten die Expansion nach Zentral- und Osteuropa sowie der Aufbau des Geschäftsfelds Frucht, das heute das umsatzstärkste der Agrana ist. Mariharts Nachfolger wird Markus Mühleisen, der seit über 20 Jahren in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie arbeitet und seit 2018 Group-Vice President der internationalen Molkerei-Gruppe Arla Foods ist.

 

 

 

Fusionskontrolle: EU-Kommission bestraft Sigma-Aldrich

Der Laborchemikalienhersteller muss 7,5 Millionen Euro bezahlen. Laut Angaben der Kommission machte er im Zuge der Übernahme durch den deutschen Merck-Konzern im Sommer 2015 falsche Angaben.

 

Wegen falscher Angaben bei der seinerzeitigen Übernahme durch den deutschen Chemie- und Pharmakonzern Merck muss der Laborchemikalienhersteller Sigma-Aldrich 7,5 Millionen Euro Strafe zahlen. Das berichtete die EU-Kommission. Sie hatte die Übernahme am 15. Juni 2015 genehmigt, allerdings mit der Auflage des Verkaufs des europäischen Lösungsmittelgeschäfts von Sigma-Aldrich an ein drittes Unternehmen. Als dieses wurde im November 2015 Honeywell fixiert. Indessen hatte Sigma-Aldrich der Kommission die Existenz eines Innovationsvorhabens mit der Bezeichnung iCap verschwiegen, um dieses nicht an Honeywell abtreten zu müssen. Die Kommission erlangte davon 2016 Kenntnis und leitete im Juli 2017 ein Verfahren wegen Verstoßes gegen die Fusionskontrollverordnung ein. Sie nahm dabei sowohl Sigma-Aldrich als auch Merck in die Pflicht. Nach einer Anhörung der beiden Unternehmen ließ die Kommission die Vorwürfe gegen Merck 2020 fallen und führte das Verfahren allein gegen Sigma-Aldrich weiter.

 

Ihr zufolge stellte sich heraus, dass das Unternehmen sich „drei schwere Zuwiderhandlungen“ gegen die EU-Fusionskontrollverordnung zuschulden kommen ließ. Begründet wird dies damit, dass „das EU-Fusionskontrollsystem ohne richtige und nicht irreführende Angaben der beteiligten Unternehmen nicht funktionieren kann, die unrichtigen bzw. irreführenden Angaben ein Innovationsvorhaben betrafen, das für das veräußerte Geschäft eindeutig relevant und wichtig war, und die Kommission die Informationen über dieses naturgemäß geheime und vertrauliche Vorhaben nur von Sigma-Aldrich bekommen konnte“. Angesichts dessen sei die Strafe in Millionenhöhe angemessen. Ausdrücklich betonte die Kommission, sie könne bei Verstößen gegen die Fusionskontrollverordnung „Geldbußen von bis zu einem Prozent des Gesamtumsatzes von Unternehmen verhängen, die der Kommission gegenüber vorsätzlich oder fahrlässig unrichtige oder irreführende Angaben machen“. Merck hatte seinerzeit rund 13,1 Milliarden Euro für Sigma-Aldrich bezahlt. Auf die damalige Genehmigung der Übernahme sich die nun verhängte Strafe nicht aus.

 

Sigma-Aldrich nahm zu der Causa nicht Stellung. Laut Mitteilung der EU-Kommission handelt es sich um den dritten derartigen Fall seit dem Inkrafttreten der Fusionskontrollverordnung im Jahr 2004. Der erste Fall betraf Facebook. Im Mai 2017 erhielt der US-Datenkonzern eine Geldstrafe von 110 Millionen Euro, weil er die Kommission im Zuge der 2014 erfolgten Übernahme von Whatsapp falsch informiert hatte. Im April 2019 bestrafte die Kommission die US-amerikanische General Electric mit 52 Millionen Euro, „weil das Unternehmen bei der Untersuchung zu seiner geplanten Übernahme von LM Wind zunächst unrichtige Angaben gemacht hatte“.

 

Margrethe Vestager, die für Wettbewerbspolitik zuständige Exekutiv-Vizepräsidentin der Kommission, konstatierte, der Beschluss mache deutlich, „dass Unternehmen keine Informationen zurückhalten und auch keine irreführenden Angaben machen sollten. Wir müssen uns darauf verlassen können. Sonst sind wir nicht in der Lage, geplante Zusammenschlüsse korrekt zu beurteilen – ganz besonders auch Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, die naturgemäß geheim und nur den beteiligten Unternehmen genauer bekannt sind“.

 

 

April 29th

Neue Datenerhebung zur österreichischen Life-Sciences-Branche

Im Auftrag des BMDW und begleitet von der AWS hat die Biocom AG mit der Erhebung aktueller Daten zur österreichischen Life-Sciences-Branche begonnen. Die Wiener Plattform LISAvienna hat eine neue Sonderauswertung für Wien beauftragt.

Zur Teilnahme aufgerufen sind Unternehmen, Forschungseinrichtungen und andere relevante Organisationen der Branche. Ab dem 26. April werden Mails mit der Einladung zur Beteiligung an der Online-Umfrage mit einem individuellen Link versendet. „Mit jedem ausgefüllten Fragebogen steigt die Qualität der Datenbasis. Bitte kontaktieren Sie umgehend das Projektteam, falls Sie noch keinen Link zu der Erhebung von Biocom erhalten haben sollten“, sagen dazu Johannes Sarx und Philipp Hainzl, Geschäftsführer der LISAvienna. Für die Beantwortung der Fragen müsse man mit ca. 15 bis 30 Minuten rechnen. Die Umfrage ist bis zum 12.5.2021 geöffnet.

Im Sommer 2021 wird die Auswertung und Aufbereitung der Daten erfolgen, im Herbst sollen die auf Basis der Erhebung erstellten Berichte der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Von den Auftraggebern angekündigt wurden Neuauflagen des Life Science Report und des Vienna Life Science Report sowie ein aktualisiertes Life Science Directory.

Nähere Informationen: https://www.lisavienna.at/news/neue-branchendaten-ueber-die-life-sciences-in-oesterreich-jetzt-fragebogen-ausfuellen/

April 27th

Seltenerd-Recycling mit Bakterien und Algen

Unter Federführung der IMC FH Krems entwickelt ein transnationales Team ein biotechnologisches Recycling-Verfahren für Seltenerdelemente aus Elektronikschrott. Tecnet Equity hat das Projekt in Antrag und Umsetzung begleitet.

Unter dem Begriff „Seltene Erden“ werden die Elemente der dritten Nebengruppe sowie die (im Periodensystem meist stiefmütterlich an den unteren Rand gedrängten) Lanthanoide zusammengefasst – insgesamt 17 Metalle, die in zahlreichen technischen Anwendungen von hohem Nutzen sind, etwa in Plasmabildschirmen, Permanentmagneten, Akkus oder Leuchtstofflampen. So selten, wie ihr Name suggeriert, kommen sie in der Erdkruste gar nicht vor, ihre Gewinnung ist geopolitisch aber sehr ungleich verteilt: Hauptlieferant ist China, das – je nach Quelle, die man konsultiert – zwischen 60 und 85 Prozent der Weltproduktion bereitstellt. Meist werden die Erze, aus denen die Metalle gewonnen werden, im Tagbau abgebaut – dabei muss viel Gestein umgewälzt werden, um geringe Mengen der begehrten Ware zu erhalten, die eingesetzten Chemikalien hinterlassen gravierende Umweltschäden. Alternative Quellen zu erschließen, wäre daher gesellschaftlich höchst wünschenswert.

Forscher der IMC FH Krems und der Donau-Universität Krems entwickeln im Rahmen des Projekts "REEgain" (von englisch "rare earth element") gemeinsam mit Kollegen der Karl-Landsteiner-Universität und der tschechischen Akademie der Wissenschaften ein Verfahren, bei dem Bakterien, Hefen und Algen dafür eingesetzt werden, Seltenerdelementen aus Elektronik-Abfällen zurückzugewinnen. Diese werden zu einem feinen Pulver zermahlen und in Lösung gebracht, in den darauf kultivierten Mikroorganismen kommt es zur Anreicherung der Lanthanoide. Anschließend wird das biologische Material fraktioniert, um zu sehen, in welchem Kompartiment – an der Zelloberfläche, in der Zellwand, im Inneren – sich wie viel gesammelt hat. Das Verfahren könnte auch einer der größten Herausforderungen der Seltenerdchemie begegnen: Die Elemente der Reihe sind untereinander sehr ähnlich und lassen sich daher auf chemischem Weg schwer voneinander trennen. In der Biotechnologie sieht das anders aus: „Verschiedene Organismen lagern die verschiedenen Seltenerdmetalle in unterschiedlicher Menge ein“, sagt Schild. Es könnten daher in einem zukünftigem Industrieszenario Prozesse zum Einsatz kommen, die mehrere biologische Helfer nebeneinander nutzen und so eine Fraktionierung der Elemente bewirken können.

 

Doppelter Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Die zur Finanzierung des Projekts gewählte Förderschiene „Interreg V B“ (ein EU-Programm zur Förderung der grenzüberschreitenden territorialen Zusammenarbeit) birgt aber Fallstricke in der Antragsphase: Einerseits soll dezidiert ein Forschungsprojekt und nicht die Entwicklung eines industriellen Prototyps gefördert werden, andererseits muss begründet werden, warum das Vorhaben dennoch von gesellschaftlicher Relevanz ist. Um den Blickwinkel für die Argumentation zu schärfen, arbeitete die IMC FH Krens mit dem „r2v-Programm“ des Hightech-Finanzierers Tecnet Equity zusammen. „Wir haben mit dem Forschungsteam erarbeitet, dass man – auch wenn es im Projekt um wissenschaftliche Grundlagen geht – bereits in dieser Phase eine Perspektive dafür entwickeln kann, mit welchen Schritten und mit welchen Partnern man zu einer Anwendung kommen kann“, sagt dazu Tecnet-Experte Lukas Madl.

„Dabei wurde unser Horizont erweitert“, meint Schild: „Wir haben zu Beginn gar nicht in die Richtung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung unseres Projekts gedacht. Lukas Madl hat uns dafür sensibilisiert, die Adressaten eines solchen Förderantrags auf diese Aspekte anzusprechen.“ Gleichzeitig wurde gemeinsam überlegt, wer von einem solchen Verfahren Nutzen ziehen könnte – etwa Unternehmen der Abfallwirtschaft, aber auch der Elektronik-Industrie selbst. Auf diese Weise ergaben sich auch Kontakte zu den Entsorgungsunternehmen Saubermacher und Stark, die als Technologiepartner des Projekts fungieren. Zudem konnte man in Kooperation mit dem vierköpfigen Team des Forschungsservice der IMC FH Krems eine Patentstrategie erarbeiten und die Mitarbeiter des Projekts in der Recherche in öffentlich zugänglichen IP-Datenbanken trainieren.

„Zielsetzung des r2v-Programms ist es, aus Forschungsergebnissen Wertschöpfung zu generieren“, fasst Tecnet-Geschäftsführerin Doris Agneter zusammen: „Das hat einen wirtschaftlichen Aspekt, es geht aber auch darum, einen positiven Effekt auf die Umwelt und das Leben der Menschen zu erzielen.“ Dieser zweite Aspekt kommt beim Projekt zum Seltenerd-Recycling besonders zum Tragen: „Wertschöpfung bedeutet in diesem Fall einen doppelten Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“, analysiert Madl: „Einerseits soll letztlich ein profitables Geschäftsmodell entstehen, andererseits wird durch die Verhinderung von Umweltschäden auch ein sozialer und ökologischer Wert erzielt.“

Novartis-Gewinn sinkt um sieben Prozent

Auch beim Umsatz und beim operativen Ergebnis verzeichnete der Schweizer Pharmakonzern im ersten Quartal 2021 erhebliche Rückgänge. Er führt dies auf die COVID-19-Pandemie zurück.

 

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis erwirtschaftete im ersten Quartal 2021einen Reingewinn von 2,05 Milliarden US-Dollar (USD), was um Währungseffekte bereinigt gegenüber dem ersten Quartal 2020 einen Rückgang um rund sieben Prozent bedeutet. Das operative Ergebnis brach um 14 Prozent auf 2,41 Milliarden USD ein, der Umsatz verringerte sich um zwei Prozent auf 12,41 Milliarden USD. Begründet war das nach Angaben des Unternehmens vor allem durch die COVID-19-Pandemie. Diese habe im Vorjahr zu Vorratskäufen geführt, in deren Folge die Nachfrage nach etlichen Arzneimitteln heuer geringer ausgefallen sei. Bei der Konzerntochter Sandoz brachen die Preise wegen der Vorverkäufe 2020 sowie der „steigenden Konkurrenz“ durchschnittlich um rund zehn Prozent ein, was einen Umsatzverfall um 13 Prozent auf rund 2,31 Milliarden USD zur Folge hatte. Gegenüber dem Stand vom 31. Dezember 2020 um rund 29,8 Prozent auf 31,8 Milliarden USD gestiegen ist die Verschuldung von Novartis. Nach Angaben des Unternehmens war das „war vor allem auf die Ausschüttung der Jahresdividende von7,4 Milliarden USD und den Nettogeldabfluss für Transaktionen mit eigenen Aktien in Höhe von 1,9 Milliarden USD zurückzuführen, die durch den Free Cashflow von 1,6 Milliarden USD teilweise kompensiert wurden“.

 

Vorstandschef Vasant („Vas“) Narasimhan zufolge geht Novartis davon aus, „dass sich die Performance von Sandoz nach einem schwierigen Quartal kurzfristig stabilisieren wird. Unsere breit angelegte Pipeline neuartiger Medikamente machte weitere Fortschritte mit der US-Zulassung von Entresto für das gesamte Spektrum chronischer Herzinsuffizienz und den positiven Ergebnissen zu unserer Radioligandentherapie gegen Prostatakrebs. Wir sind weiterhin zuversichtlich, unsere führende Pipeline voranzutreiben und unsere Wachstumsprognosen zu erfüllen“.

In einer Aussendung hieß es, die Geschäftstätigkeit des Konzerns sei „weiterhin stabil, und die Zahlungseingänge entsprechen dem normalen Geschäftsverlauf, wobei die Forderungslaufzeiten auf üblichem Niveau liegen. Novartis ist nach wie vor gut positioniert, um ihren laufenden finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, und verfügt über ausreichend Liquidität, um normale Geschäftsaktivitäten aufrechtzuerhalten“. Überdies entwickle Novartis zwei Medikamente zur Behandlung von COVID-19: „Diese sind so konzipiert, dass sie gleichzeitig auf mehrere verschiedene Stellen des SARS-CoV-2-Virus abzielen, um die antivirale Wirkung zu verstärken und sowohl zur Prophylaxe als auch zur Behandlung eingesetzt werden zu können.“

Ferner habe das Unternehmen mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Pfizer vereinbart, dessen COVID-19-Impfstoff Comirnaty zu produzieren. Das soll bereits im zweiten Quartal 2021 erfolgen. Für das deutsche Pharmaunternehmen Curevac wird Novartis heuer rund 55 Millionen Dosen des COVID-19-Impfstoffkandidaten CVnCoV herstellen, im kommenden Jahr sollen es etwa 200 Millionen Dosen sein.

 

Als seine wesentlichsten Umsatzbringer im ersten Quartal 2021 nannte Novartis das Psoriasismittel Cosentyx mit einer Umsatzsteigerung um elf Prozent auf 1,05 Milliarden USD, das Herzinsuffizienzpräparat Entresto mit einem Umsatzplus von 34 Prozent auf 789 Millionen USD, das Krebsmedikament Promacta/Revolade (463 Millionen USD, +13%), das Krebspräparat Jakavi (363 Millionen USD, plus acht Prozent), Zolgensma, ein Mittel gegen spinale Muskelatrophie mit einem Umsatz von 319 Millionen USD (plus 81 Prozent), das Brustkrebsmedikament Kisquali (195 Millionen USD, plus 19 Prozent) und das Krebsmittel Kymriah (151 Millionen Euro, plus 55 Prozent).

 

Für das Gesamtjahr erwartet Novartis ein Wachstum des Nettoumsatzes „im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich“. Das operative Ergebnis soll „im mittleren einstelligen Prozentbereich“ und stärker wachsen als der Umsatz. Zahlen nannte der Pharmakonzern nicht.

 

April 19th

Masterstudium „Molecular Precision Medicine“ im Kommen

Ab dem Wintersemester 2021/22 wird in Wien eine neue Ausbildung im Bereich „Personalisierte Medizin“ angeboten.

 

Die Medizinische Universität Wien (MedUni Wien) und die Universität Wien bieten ab dem Wintersemester 2021/22 das viersemestrige Masterstudium „Molecular Precision Medicine“ an. Bewerbungen sind bis 11. Juni möglich. Interessenten müssen über ein abgeschlossenes Bachelor-Studium in einem naturwissenschaftlichen Fach verfügen. Aufgenommen werden 25 Personen pro Jahr. Die Unterrichtssprache ist Englisch. Im vierten Semester ist eine Abschlussarbeit zu schreiben und eine Abschlussprüfung zu absolvieren. Mit dem Angebot offerieren nun auch die beiden Wiener Universitäten eine Ausbildung im Bereich der sogenannten „Personalisierten Medizin“ ein, die auch als „Präzisionsmedizin“ bezeichnet wird. Sie bezeichnen diese als „großen Zukunftstrend der Medizin des 21. Jahrhunderts“.

 

Den Teilnehmern verschafft wird laut einer Aussendung „fundiertes Wissen im Bereich Humanmedizin auf molekularer und mechanistischer Ebene. Absolventen erwerben im Studium das Grundlagenwissen über klinische Erscheinungsbilder, den Prozess der Identifizierung molekularer Ziele für den Therapieansatz, über Arzneimittelentwicklung und -herstellung, über klinische Testverfahren und die Bewertung von Therapeutika in der Klinik. Dieses breite Wissensspektrum befähigt Absolventen, eine Brücke zwischen Forschung und klinischer Anwendung zu schlagen“.

 

Nicht fehlen darf ferner die Vermittlung von „Kernkompetenzen in Bioinformatik einschließlich Programmierung, Data Mining sowie Analyse“. Die Absolventen seien somit auch „für eine Karriere im Bereich Data Science qualifiziert“. Behandelt werden im Verlauf der vier Semester auch ethische sowie sozioökonomische Themen. Als Felder möglicher Berufstätigkeit der Absolventen nennt die MedUni die Grundlagenforschung ebenso wie die klinische, translationale und biomedizinische Forschung „sowohl im akademischen und öffentlichen Bereich als auch im Unternehmen“.

 

Bewerbungen sind möglich unter www.meduniwien.ac.at/master-mpm.

 

 

 

April 16th

Großes Lob den großen Daten

Der Einsatz der Datenökonomie im Gesundheitswesen ist gesellschaftlich hilfreich und wirtschaftlich unausweichlich, hieß es bei einer Podiumsdiskussion auf Einladung der Pharmig.

 

„Ich frage mich manchmal, ob ich in einem Kafka-Roman oder einem Cervantes-Stück gefangen bin.“ So charakterisierte der Komplexitätsforscher Stefan Thurner bei einer Podiumsdiskussion auf Einladung des Pharmaindustrieverbands Pharmig den Umgang mit Gesundheitsdaten in Österreich. Thurner ist unter anderem Mitglied des österreichischen COVID-19-Prognosekonsortiums. Ihm zufolge ist die Qualität der Gesundheitsdaten nicht selten extrem schlecht. Ferner würden sie ihm und seinen Kollegen von den zuständigen Stellen oft nur zeitverzögert zur Verfügung gestellt, und der Datenfluss sei auch nicht immer durchgängig. Insbesondere bestehen laut Thurner fünf Probleme: Erstens werden wesentliche Gesundheitsdaten von verschiedenen Institutionen erhoben. Zweitens hat keine Stelle sämtliche notwendigen Daten, aber drittens auch keinerlei Anreize, diese mit den anderen Einrichtungen zu teilen. Viertens scheiterten bis dato sämtliche Versuche, alle Gesundheitsdaten zentral zu poolen. Fünftens schließlich würden immer wieder ungerechtfertigte datenschutzrechtliche Bedenken ins Treffen geführt, um die Daten nicht herausgeben zu müssen. Ihm zufolge sollte der Bund „eine unabhängige nationale Medizindatenstelle gründen, die an das Parlament oder an den Rechnungshof berichtet“. Dieser Stelle hätten sämtliche Datenproduzenten ihre Daten zu melden. Und „unter einem breiten Governance-Board“ würden den Sozialversicherungen, der Politik, der Planung und den Forschern jene Daten zur Verfügung gestellt, die sie für ihre Aufgaben brauchen. In das Governance-Board wären Thurner zufolge die Bundesländer ebenso einzubinden wie die verantwortlichen Ministerien, die Sozialpartner, die Patientenanwälte und die Industrie.

 

Milliardeneinsparungen möglich

 

An der Dringlichkeit der Sache ist laut Thurner nicht zu zweifeln: „Wir brauchen viele Daten, um das Gesundheitssystem zukunftsweisend umbauen und weiterentwickeln zu können.“ Etliche Aufgaben ließen sich mit der Analyse großer Datensätze besser und leichter bewältigen, von der Abrechnung von Leistungen über die Ausarbreitung von Daten für Gesundheitsplanung, Prävention und Qualitätssicherung über die epidemiologische Kontrolle, die Impfplanung und das Kapazitäts- sowie das Resilienzmonitoring bis zur Vermeidung von Overmedication. Gerade das ist laut Thurner „ein Riesenthema. Da stecken Milliarden an Einsparungsptenzial drin“.

Und Thurner fügte hinzu: Vor etwa 15 Jahren habe er versucht, medizinische Trajektoren einzelner Patienten zu verfolgen und damit die mutmaßliche Gesundheitsentwicklung von Personen vorherzusagen. Nur ein einziges Mal sei es gelungen, zwei Datensätze aus dem niedergelassenen und aus dem intramuralen Bereich zusammenzubringen: „Damit konnten wir einige phantastische Dinge zeigen.“ Unter anderem erwies es sich als möglich, herauszufinden, an welchen Krankheiten Patienten gleichzeitig laborierten, aber auch, welche Nebenwirkungen Kombinationen von Medikamenten auslösen: „Das müssen ja nicht nur negative Wirkungen sein.“

 

Föderalismus bremst

 

Laut Irene Fialka, der Leiterin von Inits, dem Gründerservice der Universität Wien, der Technischen Universität Wien und der Wirtschaftsagentur Wien, haben Start-ups im Bereich der Datenökonomie insbesondere mit der „Unzugänglichkeit der Daten“ zu kämpfen: „Viele Daten sind unglaublich schwer zu bekommen, nicht nur im Gesundheitsbereich.“ Das aber erschwere, die Artificial-Intelligence-Tools der Start-ups zu trainieren. Ein Problem ist laut Fialka der österreichische Föderalismus: „Wir haben neun Anmeldesysteme für die Impfung gegen SARS-CoV-2. In ganz Indien gibt es ein einziges System.“ Völlig unverständlich ist laut Fialka allerdings nicht, dass die Länder auf der Hoheit über „ihre“ Daten bestehen: „Wir werden durch das Land mitfinanziert. Daher will das Land natürlich, dass die Start-ups hier bleiben und hier Wertschöpfung generieren.“ Und klar ist laut Fialka: Geschäfte mit Daten, auch gesundheitsbezogenen, werden ohnehin gemacht: „Wollen wir das anderen überlassen? Es ist doch besser, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Österreich zu halten.“

 

 

 

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